Wallhangings Floorlayings

Wallhangings Floorlayings

Anny und Sibel Öztürk zeigen eine Arbeit aus einem großen, handbemalten Teppich und einer Skulptur.Der Teppich, der ob seiner Größe sowohl als eine Wandarbeit als auch als eine Bodenskulptur fungiert, variiert Motive nach Skulpturen von Constantin Brancusi und “Muster” aus Gemälden von Frank Stella, die Anny und Sibel Ötztürk bereits in einer früheren Teppich-Arbeit für ihre Ausstellung Das Auge des Sammlers in den 11m2, 2014 aufgegriffen haben. In dieser Ausstellung traten sie als Sammlerinnen auf, die sich Werke der Moderne aneigneten und sie mit eigenen Erzählungen und Kommentaren überformten. An dieses Sammlerkabinett knüpft der große Teppich in Wallhangings Floorlayings sichtbar an.

Großen Raum im Werk der Künstlerinnen nimmt der Umgang mit Erinnerungserzählungen ein, in denen, an Hand der eigenen Familiengeschichte, das Beheimatetsein in mehr als einer Kultur zum großen übergreifenden Leitthema wird.

Die Geschichte, in der sich ein Zusammenhang zwischen den Werken des rumänisch stämmigen Künstlers Constantin Brancusi, einem der bedeutendsten und einflussreichsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts und der Familiengeschichte der Öztürks herstellen lässt, nimmt ihren Anfang in der expansiven Siedlungspolitik des osmanischen Reiches in Osteuropa. Nachdem ihre Familie bereits seit mehreren Generationen in Rumänien gelebt hatte, erarbeitete sich die Urgroßmutter der Künstlerinnen väterlicherseits dort als Gestalterin und Fabrikantin von Teppichen ein beträchtliches Vermögen. 1918 konnte sie ihr Sohn, Großvater Öztürk, aufgrund der politischen Folgen des Ersten Weltkrieges davon überzeugen, mit ihm in die Türkei zurück zu kehren.

1937 erhielt der seit 1904 in Paris beheimatete Brancusi den Auftrag für ein Kriegerdenkmal in Targu Jiu, das der im Ersten Weltkrieg gefallenen rumänischen Soldaten gedenkt. Zu dem dreiteiligen Ensemble, das zu den Hauptwerken des Künstlers zählt, gehört die größte Fassung seiner “Endlosen Säule”, die auch im Teppich der Künstlerinnen eine Zentrale Position einnimmt.

Sieben Jahre nach ihrer Installation Unspeakable Home*  machen Anny und Sibel MyBerlinWall mit der Installation Wallhangings Floorlayings zu einem Ort, an dem sich die mütterliche und die väterliche Linie der Familie Öztürk in einer von den Schwestern betriebenen Rezeption der europäischen Moderne treffen. Stand
Unspeakable Home noch klar im Zusammenhang ihrer Installationen, die sich aus “Illustrationen” ihrer familiären Erinnerungsgeschichten verstanden, so gehen sie mit Wallhangings Floorlayings einen neuen, aus ihrem Sammlerkabinett heraus entwickelten Weg. Geschichte und Geschichten werden hier in einer abstrakteren, offeneren Form der Erzählung vermittelt.

Beiden Installationen ist gemeinsam, dass sie sich in ihrer Gestaltung gezielt mit dem Ausstellungsort, einer Wand in einem privaten Interieur, auseinandersetzten. Unspeakable Home erweiterte, unter Berücksichtigung des Grundrisses der Wohnung, das tatsächliche Zuhause unaussprechlicherweise um den Wintergarten von Adolf Hitlers Berghof. Wallhangings Floorlayings nimmt in Gestalt des Teppichs die Form eines Gegenstandes an, der durchaus ein Vorkommen in einem Charlottenburger Haushalt haben könnte. Er greift von der Wand, als Wandteppich, auf den Boden über und wird so für die Dauer der Ausstellung zur realen Auslegeware des Esszimmers, in dem sich die Ausstellungswand von MyBerlinWall befindet.

Für die Bereicherung durch die Immigrantenkulturen ist diese Arbeit von Anny und Sibel Öztürk auf gleich mehreren Ebenen ein hervorragendes Beispiel. Ihr Teppich bedient sich in der künstlerischen Rezeption historischer Kunstwerke bei allen Unterschieden der künstlerischen Sprache, einer ähnlichen erzählerischen Strategie.

Rafael von Uslar

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Das Auge des Sammlers im Lili-Tempel

Das Auge des Sammlers II, 2016

zu Gast im Lili-Tempel in Offenbach

Die Vernissage/Austellung im Lilitempel in Offenbach, geht nur einen Abend lang.
Wladimir Kaminer wird mit seinem Filmteam von 3Sat vor Ort sein und Aufnahmen machen.

 

Mit freundlicher Unterstützung
von Dr. Claudia Nagel und des Amtes für Kultur- und Sportmanagement der Stadt Offenbach

Der Metzlersche Badetempel in Offenbach am Main, vom Volksmund Lili-Tempel genannt, ist ein ehemaliger klassizistischer Badetempel des Frankfurter Bankiers Friedrich Metzler in der Offenbacher Innenstadt.

Erbaut wurde der Badetempel 1798 vom französischen Architekten Nicolas Alexandre Salins de Montfort, nachdem Metzler 1792 seinen Sommersitz nach Offenbach verlegt hatte. Der Bau gilt als Montforts einziges Werk im Rhein-Main-Gebiet, das im Ursprungszustand erhalten ist.

Der Tempel erhielt im Volksmund seinen Namen Lili-Tempel nach der Verlobten Johann Wolfgang von Goethes, Anna Elisabeth Schönemann, mit der sich dieser 1775 im umliegenden Park zu treffen pflegte. Der Park erhielt den Namen Lili-Park erst zum 100. Todestag Goethes im Jahre 1932.  – Wikipedia

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„Das Auge des Sammlers“ von Anny und Sibel Öztürk

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Anny und Sibel Öztürk
Das Auge des Sammlers

Für ihre Ausstellung Das Auge des Sammlers schaffen Anny und Sibel Öztürk ein intimes Sammlerkabinett. Auf 11qm gestalten sie Tableaus, die eigene Raumeinheiten entstehen lassen. Bilder realer Sammlerhaushalte und bekannter Kunstwerke werden zur materiellen Grundlage für fiktive Szenarien genommen. Wie in einer filmischen Abfolge eröffnet sich dem Besucher auf kurzen räumlichen Distanzen ein Raum nach dem anderen. Denn so überschaubar das Raumangebot des Ausstellungsortes auch sein mag, so vielfältig sind die Eindrücke unterschiedlicher räumlicher Zusammenhänge, welche die Künstlerinnen hier entstehen lassen.

Sammler haben ein sehr eigenwilliges Verhältnis zu den Dingen, die sie zusammentragen, meist, um sich mit ihnen zu umgeben. Nach Walter Benjamin ist „die wahre, sehr verkannte Leidenschaft des Sammlers … immer anarchisch, destruktiv. Denn dies ist ihre Dialektik: Mit der Treue zum Ding, zum Einzelnen, bei ihm Geborgenen, den eigensinnigen subversiven Protest gegen das Typische, Klassifizierbare zu verbinden. Das Besitzverhältnis setzt völlig irrationale Akzente.“1

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In erster Linie bedeutet Sammeln sich Dinge anzueignen. Dabei geht der Zugriff auf den Gegenstand oder das Kunstwerk weit über den bloßen Erwerb, das Vom-Markt-Nehmen, hinaus. Ein Sammler stellt individuell geprägte Zusammenhänge her, denen er die Objekte seiner Begierde einfügt, sie unterordnet. Das einzelne Objekt steht nicht mehr für sich selbst, sondern ist immer auch Teil einer oder besser einer Vielzahl von Erzählungen, denen das Anliegen der Sammlung ein Leitmotiv verleiht.

„Der Besitz (ist) das allertiefste Verhältnis …, das man zu Dingen überhaupt haben kann“ Der Sammler eignet die Gegenstände seines Begehrens dem eignen Leben an macht sie zu einem Teil seiner Biographie. Sie werden für ihn zu einem Gegenstand der Selbst-Identifikation „er selber ist es, der in ihnen wohnt“.2 Diese Aneignung überformt den Blick auf den Gegenstand. Im Auge des Sammlers erscheint dieser daher stets im Filter der an ihn herangetragenen Bedeutung und biographischen Legendenbildung. Es ist dies eine „vollkommen phantasmagorische“ Form der Wahrnehmung, so wie sie Michel Leiris in seinem Essay „Das Auge des Ethnographen“ dem Durchschnittseuropäer, für dessen stets „durch seine weiße Mentalität“ gefilterte Sicht, auf außereuropäische Kultur attestiert.3

Anny und Sibel Öztürk machen diese überformende Aneignung der Bilder zum sichtbaren Anschauungsgegenstand und bestimmenden Thema ihrer Installationen. In diesem Projekt treten sie selbst als Sammlerinnen in Erscheinung. Ihre Bearbeitungen nehmen eigene Erzählzusammenhänge auf, um sie sogleich unmittelbar sichtbar, mit der bildlichen Syntax zu verweben – oder besser: zu verkleben. Schließlich bedienen sich die Künstlerinnen, neben verschiedenen Reproduktionstechniken, bevorzugt der Collage!

Picasso, Arp, Lichtenstein, Beuys, Polke, alles aus der einen Hand zweier Künstlerinnen, die in einem begehbaren Panorama, ihre Schätze und Kostbarkeiten ausbreiten und öffentlich zugänglich machen. Alles auf 11qm, in der Mommsenstrasse, in Berlin Charlottenburg.

Rafael von Uslar

1 Walter Benjamin, Lob der Puppe, in: Gesammelte Schriften, Band III, Hg. v. Hella Tiedemann-Bartels, Frankfurt a.M.,1991, S. 216.
2 Walter Benjamin, Ich packe meine Bibiliothek aus, in: Gesammelte Schriften Band IV-1, Hg. v. Tillman Rexroth, Frankfurt a.M.,1991, S. 396.
3 Michel Leiris, Das Auge des Ethnographen, in: Ethnologische Schriften Band 2, Hg. v. Hans-Jürgen Heinrichs, Frankfurt a.M., 1985, S. 34.

Say Say Say

SAY SAY SAY

Eine Lichtinstallation von Anny und Sibel Öztürk

Photo: Sandy Derl

Photo: Sandy Derl

Mach das Licht aus, wenn Du gehst steht in großen schwarzen Lettern auf weißem Grund eines Leuchtkastens, der die Form einer Sprechblase annimmt. Er ist Teil der Installation Say Say Say von Anny und Sibel Öztürk und damit einer von fünf Leuchtkästen unterschiedlicher Größe, die sich um eine Fensteröffnung an der Fassade des Rathauses von Offenbach gruppieren. Die Leuchtkästen als Sprechblasen führen eine Bildfigur des Comics aus der Zweidimensionalität des Printmediums, in die Dreidimensionalität der Skulptur.

Sprechblasen bilden Texte ab, die als eine Sichtbarmachung von Gesprochenem verstanden werden sollen. Und so werden die Leuchtkästen zu Abbildungsflächen von Gesprächsinhalten, die sich dank der auf die Fensteröffnungen ausgerichteten Hinweisstriche, mutmaßlichen Figuren zuordnen lassen. Diese bleiben jedoch von außen gesehen unsichtbar. Hier trifft die erwähnte Aufforderung auf Zitate von Prof. Moellendorf, Obi Wan Kenobi und eine universelle Exklamation. In Abwesenheit einer verbindenden Erzählung stellt sich die Frage, in welchem Zusammenhang die Texte der Blasen stehen. Allein, die dem Comic eigene Logik, dass das in einem Moment Gesprochene und im nächsten Moment Verklungene dauerhaft sichtbar zu lesen steht, schafft hier zumindest einen äußeren Zusammenhang der einzelnen Sprechakte.

Der Rest ist Schweigen. Dass sich diese Aussage bewahrheitet, wird unmittelbar anschaulich, da sonst wohl die gesamte Rathausfassade mit Sprechblasen überzogen wäre. Anders als für die Texte der Leuchtkästen, steht der Handlungsrahmen für das Shakespeare-Zitat zweifelsfrei fest. Mit dieser klugen Bemerkung beendet Hamlet bekanntlich mehr als nur seinen Dialog mit Horatio.

Mach das Licht aus, wenn du gehst – in Offenbach gilt das erst zum Ende der Luminale.

Rafael von Uslar

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Länderboten

Länderboten

Imaginäres Parlament

Klingspormuseum Offenbach, 2013

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Anny Öztürk, Sibel Öztürk, Heiner Blum

Offenbach ist die internationalste Stadt der Republik. Hier wohnen Menschen aus 156 Nationen. Insgesamt gibt es 193 anerkannte Staaten weltweit.

Mit dem Projekt Länderboten geben die Künstler Anny Öztürk, Sibel Öztürk und Heiner Blum einer Bürgerin oder einem Bürger jeder der hier vertretenen Nationen eine Stimme und schaffen somit ein imaginäres Parlament.

Die Grundlage dazu bilden Gespräche und Interviews, in denen Bürgerinnen und Bürger Statements und Utopien formulieren, die von den Künstlern in grafischer Form umgesetzt werden. Für die Zeit zwischen dem 3. Dezember 2013 und dem 2. März 2014 versammelt sich das Plenum der Botschaften und Bilder in einer Ausstellung im Offenbacher Klingspor-Museum. In Postergröße ausgedruckt, bedecken die Portraits und Grafiken die Innenwände des Museums und bilden so die vielgestaltige Stimme einer internationalen Stadt.

Es wurden bereits 111 Länderboten gefunden. Für die Dauer der Ausstellung wurden Boten aus den verbleibenden Ländern gesucht, die dann im Klingspor-Museum von den Künstlern interviewt und portraitiert wurden.

Länderboten ist ein Projekt zum Büchner-Jahr 2013 im Auftrag des Amts für Kulturmanagement der Stadt Offenbach.

 

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

Heimatkunde, Jüdisches Museum berlin, 2011

 

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Das Leben, das Universum und der ganze Rest
Eine Installation von Anny und Sibel Öztürk


Betritt man den lang gestreckten Raum des Jüdischen Museums so sieht man sich mit einer Phototapete konfrontiert, die sich bei näherem Hinsehen um die Darstellung von einem Ausblick auf etwas Galaktisches erweist.
Davor, wie abgestellt, locker an die Wand gelehnt befinden sich an Latten genagelte Pappschilder auf denen sich mit  Schrift farbig übermalte s/w Photokopien befinden. Diese Objekte erinnern an Schilder, wie sie bei Protesten und Demonstrationszügen zur schriftlichen Formulierung öffentlicher Meinungsbekenntnisse mitgeführt werden. In diesem Fall jedoch sind bekannte Sprüche zu hören, die sich als Gemeinplätze von Protestkultur  in der kollektiven Erinnerung der letzten 40, 50 Jahre erhalten haben. Sie erscheinen jedoch auf Photos, die zumeist wiederum Demonstrationen zeigen, zu den Sprüchen jedoch in keinem unmittelbarem , oder vielmehr einem ironisch konterkarierendem Zusammenhang stehen. Aber es hat mit der Verfügbarkeit von Bildern und Sprüchen zu tun, mit dem Hang auch in den politischen Gegenkonzepten , in dem Aufbegehren der Individuen immer das Vertraute, den Standard zu suchen, dass, was man als eine möglichst große Gemeinschaft dauerhaft miteinander teilen kann.

Auf der gegenüberliegenden Wand eröffnet eine s/w gehaltene Phototapete ein großes Zeitachsen Panorama, das vom Jahr 1989 zurück ins Jahr 1969 führt. Jedes Jahr wird mit einem Hauptmotiv markiert und durch eine Vielzahl kleinformatiger Bilder angereichert. Politik, Gesellschaft, Musik und Weltgeschehen. Vor diesem vielteiligen  Bilderpanorama erscheinen Gemälde und Zeichnungen der Künstlerinnen, die ihre eigene Geschichte als Familiengeschichte erzählen.

Das „Handschriftliche“ der Malerei und der Zeichnungen markieren das Private dieser Bilder ebenso, wie das im Einzelnen Dargestellte, was sich dem Betrachter in Unkenntnis der Untiefen Öztürkischer Familiengeschichte nicht als eine im Detail nachvollziehbare Geschichte erchließt. Es wird erkennbar als individuelles Familienepos, dem das Zeitgeschehen Hintergrundrauchen ist. Im Privaten sind es die kleinen, wenig spektakulären Ereignisse, die Geschichte schreiben und bestimmen. Und doch haben auch diese Bilder eine Wiedererkennbarkeit, weil Jeder vor dem Hintergrund der großen allgemeinen Geschichte seine eigene kleine Geschichte im privaten erlebt hat und die Öztürkschen Einlassungen jederzeit durch eigene Bilderinnerungen ersetzen könnte. Auch das Private und Individuelle ist Allgemeingut und gemeinsamer Erlebnishintergrund. Schließlich ist auch der Bilderteppich, der viel bekanntes Material aus dem kollektiven Bilderfundus herbeizitiert eine äußerst subjektive Angelegenheit. Ein jeder wird für die in Frage stehende Jahre eine Vielzahl anderer Bilder und Ereignisse vor den hier gezeigten den Vorrang geben und sie als fehlend ansehen.

Photos: Jens Ziehe

Photos: Jens Ziehe

Die Installation betont aber noch eine weitere Ebene. Die privaten Bilder handeln vom Herkommen aus der Türkei und einem Ankommen und Dasein in Deutschland, was wiederum ein eigenes Herkommen formuliert. Dem deutschen Betrachter wird vieles in den Familienbilder als das wohlvertraute Fremde erscheinen. Das Fremde, dass in dieses Land gehört und dessen Identität bestimmt. Aber es bleibt das „Andere“.

Die nackten Glühbirnen zitieren innerhalb der westlichen Kunst eine wichtige Darstellungsfloskel für das Archiv, das Archivarischen den Umgang mit Erinnerungsbildern als eine kleine Hommage an Christian Boltanski, den Meister dieser Themen. Aber für die Glühbirnen gibt es auch noch ein anderes bild, die Erinnerung an türkische Märkte auf denen eine Vielzahl solcher Birnen als Lichterketten in mitunter höchst poetischen Installationen das Treiben und Handeln erhellen. Ausserdem stehen sie für die 8 Planeten unserer Sonnensystems.

Die Bilder, wenn man sich auf ihre Herkunft als Erinnerungsinventar einläßt zeigen viele Bezugnahmen, mehr als ein Herkommen, mehr als eine signifikante Referenz Schließlich ist es der Zusammenklang von all diesen Bildern, von all diesen kulturellen Bezügen, die eine Geschichte, eine Kultur eines Landes ausmachen. Je mehr sich eine solche Kultur der Vielfalt ihrer Einflüsse bewußt erweist, je offener sich eine Kultur erweist, des so reicher, und interessanter ist sie. Ein Blick der sich auf Erwartungshaltungen konzentriert und nach der Bestätigung bestimmter Normen sucht, verkennt dieses Potential, beschränkt die Kultur auf ein Kümmerliches.

Rafael von Uslar

ab minute 1.30

am ende

Nichts als die Zeit

Nichts als die Zeit

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„Nichts als die Zeit“ der Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk, die uns mit ihrer Installation in eine vergangene Zeit entführen. Hierfür bauen die Schwestern – Anny und Sibel– in „Nichts als die Zeit“ (2011) das Istanbuler Wohnzimmer ihrer Großtante nach, bei der sie Jahr für Jahr ihre Sommerferien verbrachten. Anstatt jedoch mit den anderen Kindern in der Nachbarschaft draußen auf der Straße spielen zu dürfen, mussten die beiden in der Wohnung bleiben. Zu groß war die Sorge der Großtante, dass sich die beiden Mädchen, nunmehr Fremde, nicht mehr verständigen könnten und ihnen etwas zustoßen würde.

Dass dies trotz der persönlichen Erzählung, mit der die Künstlerinnen den Betrachter hier konfrontieren, auch für die kollektive Erfahrung der Isolation in der eigentlichen Heimat steht, spiegelt die Installation ebenfalls wider. So fällt der Blick durch die halbgeöffneten Schlitze der Jalousie auf die Schwarzweißfotografie einer Hauswand. Dort schaut ein kleines Mädchen mit sehnsuchtsvollem Blick scheu herüber. Auch nur zu Besuch in den Ferien, durfte es ebenso nicht alleine zum Spielen gehen.

Einen Blick von innen nach außen beschreiben Anny und Sibel Öztürk in ihrer stimmungsvollen Arbeit, der Kindheitserinnerungen an Besuche bei ihrer Großtante in Istanbul zugrunde liegen. Von dort konnten sie auf ein Haus und auf das Mädchen sehen, das darin wohnte und mit dem sie Kontakt aufnahmen. Alles haben die Künstlerinnen nachgebaut, um ihre neugierigen Blicke in die Wohnung der Familie auf der anderen Seite nachzuvollziehen: Tisch und Stühle stehen vor einem Fenster mit Lamellen wie im Zimmer ihrer Großtante, und an der Wand gegenüber zeigt ein flächendeckendes Foto das Nachbarhaus und am Fenster das Mädchen.

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Sound: Bertil Mark