ring ring ring+12

ring ring ring + 12

Malerei und Plastik, Lichtinstallation

Frankfurt Internationals, Frankfurter Kunstverein, 2010

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Anny und Sibel Öztürk inszenieren Räume, die anhand von auto-biografischen Geschichten von den Veränderungen der türkischen Kultur erzählen. In Ring, Ring, Ring liegen zwei in ihrer Holzkonstruktion anachronistisch wirkende Strom- und Telefonmasten im Raum bzw. werden von verschiedenen Schnüren daran gehindert, vollends umzustürzen. Sie sind untereinander durch blau leuchtende, verdrehte Leuchtstoffkabel verbunden, mit denen potentiell optisch codierte Nachrichten im Morseverfahren gesendet werden könnten, die in der Installation jedoch zum Teil abgerissen sind.
Medien wie der Telegraf wurden erfunden, um Botschaften in ferne Räume zu übermitteln bzw. aus diesen Botschaften zu empfangen. Durch die Telekommunikation wird die Welt, so die utopische Vorstellung Marshall McLuhans, zu einem „globalen Dorf“.


In einem in der Installation ausgestellten Text erzählt eine Ich-Erzählerin von den gemeinsamen Spaziergängen mit ihrem Vater, auf denen er von einer paradiesgleichen Kindheit in Istanbul berichtet: Die üppigen Gärten in der Nachbarschaft, aus denen er sich versorgt, die Abenteuer am Meer. Wenn die Ich-Erzählerin bei der Beschreibung der in Istanbul lebenden Menschen, denen sie auf den Gängen mit ihrem Vater begegnet, davon erzählt, dass alle „miteinander verbunden, geradezu verwoben“ sind „mit Erinnerungen und Geschichten, die einen Stadtteil damals zu einer Gemeinschaft machte“, bietet der Text eine Deutung der Installation. Sind hier die funktionierenden, wirr gespannten Kabel Symbol einer komplexen innerstädtischen Gemeinschaft, so werden die umstürzenden Masten und die zerrissenen, kalt leuchtenden Kabel der Installation Zeichen des Verfalls, ihrer Zerstreuung im „globalen Dorf“. Die Kombination von einem aktuellen Medium der Telekommunikation, den Leuchtstoffkabeln, mit alten Holzkonstruktionen visualisiert zudem die zunehmend parallelen Welten, die in einer globalen Welt existieren.


FKV

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Sound of the City

Sound of the City

Interaktive Multimedia-Installation

Playing the City II, Schirn Kunsthalle, 2010

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New York, London, Berlin, Istanbul und Frankfurt sind die 5 Städte, in denen die meisten Freunde der beiden Künstlerinnen leben und auch die Ausgangspunkte einer Sound- und Videoinstallation, die im Rahmen von PLAYING THE CITY 2erstmals gezeigt wird. Den kartografischen Daten der Orte werden dabei Töne zugeteilt und in eine quasi städtetypische Musik verwandelt, die, nach den fünf Städten unterteilt, an fünf aufeinander folgenden Tagen zu hören sein wird. Auf zahlreichen gespannten Bändern und einer Pappewolke sind, zusätzlich zu den Sounds, abstrahierte Bilder der Städte zu sehen, die durch die Beteiligung der Besucherinnen und Besucher beeinflusst und verändert werden können.

sound of the city (2)

New York, London, Berlin, Istanbul and Frankfurt: are the 5 cities with the most facebook-friends of the two artists, and the starting points for a sound and video installation, to be shown for the first time in Playing the City 2. Cartographic data on these places will be assigned musical notes and transformed into a sort of music appropriate to each city, which can be heard on five successive days. To accompany the sounds, abstracted images will be displayed on stretched wires and carboard clouds. These images can be influenced and modified with the involvement of the visitors. Anny and Sibel Öztürk see their work in the context of their own experiences and memories, while being embedded in a wide network that connects them with people and places where they live and work. Their works often have the appearance of stages, where their friends and those who would like to become their friends are invited to extend the network in which the two artists locate their own identity.

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From inner to outer shadows II

From inner to outer shadow II

Multimedia-Installation im Wohnzimmer der Familie Richter

Lichtkunstbiennale, Bergkamen 2010

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Die Installation from inner to outer shadow II ist der Beitrag von Anny und Sibel Öztürk für die 1. BIENNALE FÜR INTERNATIONALE LICHTKUNST Lichtkunst im Wohnzimmer, 2010
Standort dieser Arbeit ist ein Privatraum, ein Wohnzimmer.


Einer Wand mit Fenster ist mit einigem Abstand eine zweite Wand aus Rigipsplatten vor gestellt. In ihrem äußeren Erscheinungsbild ist diese Wand der, die sie verbirgt als möglichst exakte Kopie angepasst. Der Zwischenraum steht der, für die Installation nötigen Technik zur Verfügung.
Statt einen Ausblick zu gewähren, wie das Fenster der Originalwand, fungiert sein Doppel als Quelle eines externen, szenisch gestalteten Lichtereignisses. In diesem, einige Minuten dauernden Moment, strahlt das Licht- Bild einer untergehenden Sonne auf den Raum ab. So ereignet sich ein Licht –und Schattenspiel, das sich langsam durch den Raum bewegt. Zunächst einmal sind es die hier vor – gegebenen Gegenstände, deren Schattenwurf nachvollzogen werden kann. In diesen Ablauf jedoch greift eine Schattenerscheinung ein, deren Gegenstand nicht im Raum zu finden ist. Sichtbar wird der Anblick einer großblättrigen Topfpflanze der Gattung Monstera deliciosa, genannt Fensterblatt, vor einem rasterartigen Fenstergitter.
Das Bild der durch den Raum wandernden Licht und Schattenstrahlen ist mit dem der Pflanze verbunden in einer Jugenderinnerung der Schwestern an ihre Urgroßmutter. In ihrem Auftritt in fremdem Raum weißt sich diese Erinnerung über den Schatten der im Raum nicht präsenten Pflanze als individuelles Erinnerungsbild nach. Für die BetrachterInnen eröffnet sich die Möglichkeit ein eigentlich tageszeitlich und Standort gebundenes Ereignis
außerhalb aller äußeren Bedingtheiten zu erleben. In der Wirkung des Lichtes auf den Raum werden eigene Erlebnisse und Erinnerungen abrufbar. Mit dem Auftreten des Pflanzenschattens eröffnet sich eine zweite Ereignisebene auf der etwas geschieht, was auch die vorgefundenen räumlichen Gegebenheiten verlässt und zu einem eigenen Erzählungsraum wird. Hier wird deutlich, dass das beobachtete Ereignis als Bild für das Erinnerte
eines Anderen einsteht.

Die BetrachterInnen befinden sich in den Privaträumen anderer Menschen, die ihre anonymen GastberInnen sind, so wie sie deren anonymen Gäste. Dies allein schon stellt eine Intimitätsverletzung dar, die dem Ausstellungsbesuch voraussätzlich ist. Dem aufgesuchten persönlichen Lebensumfeld ist darüber hinaus das Bild einer persönlichen Erinnerung eingestellt worden. Die Teilhabe an dieser persönlichen Erinnerung eines Anderen, stellt einen zusätzlichen Einbruch in eine weitere Privatssphäre dar. Auf dieser Ebene ergänzen sich Ausstellungskonzeption und die Arbeit in direkter Weise.
Das Lichtereignis dieser Installation verbindet gegebenen Raum mit Erinnertem und darin einen Ort in Deutschland mit einem Ort in der Türkei. In diesem Aufeinandertreffen überschneiden sich verschiedene Zeitachsen so, wie sich in der Wahrnehmung der Arbeit verschiedene Ebenen des Privaten und des Öffentlichen miteinander verschränken.


From inner to outer shadow II steht in engem Zusammenhang mit einer Reihe von Erinnerungsbildern gewidmeten Arbeiten von Anny und Sibel Öztürk. Dazu gehören das Familienalbum und die Installation Behind the Wheel, vor allem aber das Rear Window und Lido. Letztere Installationen arbeiten mit den unterschiedlichsten Mittel um den BetrachterInnen eine Teilhabe an den Erinnerungen der KünstlerInnen möglich zu machen. Die Wahrnehmung dieser Arbeiten ermöglicht es die fremde Erinnerung als eine selbst erlebte der eigenen Erinnerung anzueignen.


Rafael von Uslar

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die luft kühlt langsam etwas ab, die stadt kommt ein wenig zur ruhe. das sonnenlicht schwingt sich friedlich durch
die hohen fenster ins haus, streift dabei das gitterartige netz des fenstergerüstes, erreicht die kissen, die auf dem,
am fenster stehenden divan aufgereiht sind, berührt fast jedes einzelne blatt der zimmerpflanze, geht die linien
des beistelltisches ab und endet als zauberhaftes licht -und schattenspiel auf den bildern und der tapete an den
wänden und auf dem ornamentalen muster des seidenen orientteppiches auf dem boden.
ich lasse die goldenen strahlen der abendsonne durch meine geschlossenen lider dringen und empfange ihre
warmen berührungen auf meinem gesicht. und ich brauche die augen nicht zu öffnen, um das wohnzimmer
meiner grosseltern, das haus meiner oma, zu beschreiben. es ist eingetaucht in goldenes licht. von zwei seiten
dringt dieses üppig und hell hinein.
die fensterfronten recken und strecken sich von einer wand zur anderen und sind fast bodentief und deckenhoch.
das schachbrettartige muster der schatten, rastert den raum und die sonne scannt jeden gegenstand, der sich ihr
in den weg stellt.
es ist später nachmittag in istanbul, kurz vor der blauen stunde, kurz bevor die sonne noch ein letztes mal mit
aller kraft aufleuchtet für diesen tag, dann beinahe brennend, feuerrot am horizont verschwindet und das licht
hinter sich ausmacht. meine lieblingszeit.

ich liebe diese besinnliche ruhe, die für kurze zeit, der hektik des tages die stirn bietet und den atem innehalten
lässt. alle kinder rennen heim, die väter fahren nach hause zu ihren familien, das geräusch von schuhgeklapper
verringert sich für einen augenblick, denn länger dauert sie nicht an, diese ruhige minute. dann nimmt alles
wieder seinen gewohnten lauf.
mein vater hasst diese zeit des tages. er hasst, dass alle kinder heim zu ihren müttern rennen, dass die väter von
der arbeit zurückkehren und am tisch mit der familie zusammenkommen, um gemeinsam das abendessen
einzunehmen. er hasst, dass sich das geräusch von schuhgeklapper verringert, um den abend einzuläuten. denn
dann bringen die mütter ihre kleinen zu bett und lesen ihnen noch vor, streicheln ihnen über das haar und decken
sie fürsorglich zu, geben ihnen einen gutenachtkuss. „morgen früh, wenn gott will, wirst du wieder geweckt“. ein
kurzer blick der mutter noch durch den schmalen türspalt, dann dringt leise das licht aus dem flur in das
kinderzimmer und verspricht geborgenheit.
doch diese mutter war abwesend im hause meines vaters. der spalt in der tür blieb dunkel. kein versprechen.
keine gewissheit.
ich öffne die augen. die sonne ist weitergewandert und sie erreicht meine lider nicht mehr.
das köstliche fensterblatt jedoch, die grosse zimmerpflanze, die durch das halbe wohnzimmer wächst, wirft seine
schatten nun an die wand und auf den alten sessel, der neben dem divan steht. es ist die lieblingspflanze meines
opas, die er jahrzehntelang wie seinen augapfel gehütet hat. Ich hatte sie als baby fast zu grunde gerichtet, auf
jenem sessel sitzend, ihr die blätter abgerissen. und mein opa hatte dabei zugeschaut und sich an meiner freude
erfreut. das beweisfoto klebt im familienalbum und ermuntert meine eltern, mir jedes mal diese geschichte zu
erzählen, wenn wir das dicke, braune buch in den händen halten.
die stadt atmet weiter, der zauber ist gebrochen, die strasse zeichnet mit langen schatten ein bild ihrer
unmittelbaren umgebung.
ich höre die stimmen meiner mutter und der urgrossmutter aus der küche. Sie bereiten auf dem feuer des
gasherdes das abendessen zu und meine uroma gibt ihr wissen an die enkelin weiter.
meine kleine schwester sitzt auf dem schoss des opas, der mit meinem vater auf dem balkon das allabendliche
pläuschen hält. Sie reden über politik, sport und über alte zeiten. meine schwester schaut opa gross an und zieht
ihn an seinem weissen, osmanischen schnurrbart.
bevor die sonne ganz verglüht ist, renne ich schnell raus, laufe durch die eingangshalle, wo die glaskanister mit
trinkwasser stehen, vorbei an der garderobe und dann die grosse aussentreppe runter, in den riesigen garten, um
dem tag lebwohl zu sagen. es duftet nach blumen und nach obst und erde und nach meer. süsslich und satt riecht
es.
der simitverkäufer läuft an unserem gartentor vorbei und bietet seine sesamkringel mit einem fast gesungenen ruf
an: „siiiiiimiiiiiiiiiijiiiit, siiiiimiiiiiijiiiiit…“, katzen schleichen durchs tor in den garten, auf ihrem weg zu ihren
schlafplätzen oder sitzen auf der mauer und lecken ihre tatzen, menschen eilen noch schnell zum bakkal an der
ecke, um brot und andere lebensmittel zu besorgen, bevor es nach hause geht.
das licht spendet nun die strassenlaterne, die im fliegenden wechsel mit der sonne den versuch unternimmt, den
platz vor unserem haus und die strasse zu erhellen. ihr licht leuchtet schwach auf die obstbäume im garten,
verfängt sich in deren blättern und früchten und verliert sich in dem dunklen gewirr der sträucher. ich stehe jetzt
mit dem rücken an den noch warmen gitterstäben des eisernen tores gelehnt und schaue aus dem garten auf das
hell erleuchtete fenster des hauses meiner oma hoch. Nun dringt das helle, warme licht der lampen aus dem
wohnzimmer durch das hohe fenster, das die gesamte vorderfront des hauses einnimmt, hinaus auf den balkon,
hinaus in die stadt, wie ein leuchtturm und leuchtet mich heim.
nun sind es die inneren, die zu den äusseren schatten werden, die sich auf der fassade des hauses spiegeln, um
dann in dem dichten und dunklen gewirr der pflanzen und sträucher des gartens zu verschmelzen und
zuverschwinden.
auch mich nehmen sie auf in die dunkelheit.


Anny und Sibel Öztürk

From inner to outer shadows (On the road from somewhere)

From inner to outer shadows

Multi-Media-Installation, Schader Stiftung, Darmstadt

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Alle Photos: Wolfgang Fuhrmanek

Alle Photos: Wolfgang Fuhrmanek

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Vorspann: Eine Erinnerungserzählung


In der Ausstellung „from inner to outer shadow“, die zum Titel eine Zeile aus dem Libretto „Neither“ von Samuel Beckett für Morton Feldmans gleichnamige Oper nimmt, zeigen Anny und Sibel Öztürk zwei neue Installationen. „On the road from somewhere“ und „Mashrabiya“ nehmen Kindheitserinnerungen an das Haus der Großmutter zum Ausgangspunkt, welche als Einführung im ersten Raum der Ausstellung in Form einer Erzählung vorgestellt werden. Die Rede ist von abendlichen Schatten unter einem großen Fenster, beobachtet von einem Diwan aus.
Es ist der Moment der blauen Stunde, die Beruhigung des vornächtlichen Istanbul. Im Zentrum des Hauses befand sich ein Wohnraum, der an seiner Vorder- wie seiner Hinterwand durch große, die Wandbreite einnehmende Fenster charakterisiert war. Hier befand sich auch eine den gesamten Raum durchwachsende Pflanze des Großvaters. Ein ausuferndes Exemplar einer Monstera Deliciosa (Fensterblatt), der ganze Stolz des alten Mannes. Diese bestimmt nicht nur wesentlich die Schattenbilder des Raumes, sie ist auch die herausgeforderte Heldin einer Legende zu einem großen Liebesbeweis. Innerhalb der Familie wird erzählt, dass eine bald achtmonatige Anny, in einem Armlehnstuhl sitzend, eben diese Pflanze mit großer Zielstrebigkeit und
Beharrlichkeit zerpflückt. Der Großvater verharrt beobachtend daneben und lässt das Kind gewähren. Welche langfristigen Konsequenzen diese großväterliche Priorisierung der Kinderliebe über die Pflanzenliebe für die deliciose Monstera hatte ist nicht überliefert.

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Hauptfilm: Das große Fenster


Die Erinnerung an abendliche Fenster- und Pflanzenschatten bildet das Herzstück der Installation von „On the road from somewhere“. In der linken Ecke des Hauptraums der Ausstellung steht über Eck ein silberfarbenes Holzgitter von 5 x 5 Feldern. Dahinter befindet sich ein Scheinwerfer, rechts und links Holztafeln, die ein seitliches Verströmen des Lichtes verhindern. Vor dem Gitter steht eine flache Holzkonstruktion, die scherenschnitthaft eine große Monstera Deliciosa abbildet. Das Licht der Schweinwerfer erfasst Gitter und Pflanzenabbildung und wirft deren langen Schatten auf den Boden des Ausstellungsraumes und auf einen Teil der gegenüberliegenden Wand.
Dieser Aufbau ist kein eigentlicher Anschauungsgegenstand, sondern Projektionshilfsmittel. Das, was zu sehen ist, spielt sich als Schattenspiel auf der gegenüberliegenden Wand ab.
Auf dem Boden liegt ein Perserteppich, vor der Wand entlang stehen Möbelstücke. Auf der Wand befindet sich eine Wandbespannung, davor hängt eine Reihe von Gemälden, die Interieurdarstellungen zeigen. Die meisten Objekte stammen aus der Sammlung des Hessischen Landesmuseums.

Schatten sind immateriell und temporär okkupatorisch. Sie vereinnahmen die Dinge und belegen sie sichtbar mit dunklem Beschlag. So werden die aus der Sammlung gezeigten Objekte hier zuallererst einmal zu Schattenfängern. In einem zweiten Schritt helfen sie den Ort, der von der vorangestellten Erzählung eingeführt und von der Projektion evoziert wird, möblierend zu komplettieren. Alles dient hier erst einmal dem einen Bild: Hier entsteht ein Anklang an das verlorene großmütterliche Haus mit den Mitteln musealer Sammlungsstücke in der Rolle kulissenhafter Stellvertretergegenstände. Darüber hinaus findet sich in dem allen Interieurdarstellungen gemeinen Blick auf Wand und Fenster ein mehrfaches Echo auf das zweite, gegenüberliegende große Fenster des großmütterlichen Wohnraumes.
Dies ist eine Momentaufnahme, die einen Ort aus geographischer und zeitlicher Entfernung heraus auf den Fährten eines Schattens in eine räumliche Gegenwart herbeizitiert. Richtet man jedoch den Blick auf die Bilder und die von ihnen gezeigten Raumsituationen, dann trifft hier das Okkupatorische der Schatten auf das Prekäre westlicher Innenraumdarstellungen. Interieurs zeigen Räume als in sich geschlossen zu denkende Raumfragmente. Aufgebaut wie ein Guckkasten, bildet die Bildoberfläche eine den Raum abschließende virtuelle Wand. Diese jedoch, sichtbar offen, erweist sich auch als das Einfallstor für Besetzungen ganz anderer Art.
Der Schatten der Projektion fällt nicht allein auf die an der Wand befindlichen Bilder als bloße Gegenstände, er fällt auch in sie ein. Standen die Türken vor Wien noch außerhalb der Stadt, so besetzt bei Moritz von Schwind der Schatten einer Istanbuler Topfpflanze die wohlaufgeräumte Schlafstube ganz unmittelbar und gnadenlos.
Weil all diese Bilder bereits von Licht und Schatten handeln, nehmen sie somit den sie treffenden Projektionsschatten als einen weiteren in sich auf. Eine solche parasitäre Schattengestalt allerdings wirft unweigerlich die Frage nach ihrem innerbildlichen Herkommen auf, denn ein Bildraum versteht sich, aller tatsächlichen fragmentarischen Offenheit zum Trotz, immer auch als ein Kontinuum. Den vom Schatten erfassten Raumdarstellungen ist schließlich gemeinsam, dass Fensterschatten und des Großvaters Monstera Deliciosa invasiven Eingang in sie finden. So tritt türkische Abenderinnerungsromantik in deutsche Empfindsamkeit ein.
An einer Stelle schließlich, treffen sich Schattenprojektion und musealer Schattenfänger im Einvernehmen technisch-historischer Verbundenheit: Im Wandbehang findet schattengraphisch seine Abbildung, was William Henry Talbot mit seinen „Lichtselbstdrucken“ als Beitrag zur Geschichte der Photographie beisteuerte. So, wie die Stoffe über viele jahrzehntelange Belichtungsprozesse Abbildungen von dem auf sich tragen, was sich auf ihnen
befunden hat, zeigen sie ganz große Skiagraphie und beantworten so den Schattenbewurf der Installation mit der Gelassenheit der Altvorderen.
„On the road from somewhere“ bezeichnet einen Ort, bezeichnet Menschen und bezeichnet eine Zeit. Identifizierbar wird all dies vor allem durch die im „Vorspann“ vorgetragene Erzählung. Die Projektionsinstallation kann man als deren Abbildung begreifen. Klammert man jedoch diese Erzählung aus und konzentriert sich auf das, was zu sehen ist, dann entsteht ein kompliziertes, und anspruchsvolleres Bild als das einer bloßen Erinnerungsillustration.

Im Bau ihres Hauses sah sich die Großmutter einer Moderne verpflichtet, die in der urbanen Architektur Istanbuls seit den dreißiger Jahren eine bedeutende Rolle spielte und sorgte somit nicht zuletzt über die rezeptive Einheit ihrer Familienbande für den viel längeren und nachhaltigeren Schatten ihres Fensters. Dieser verliert jedoch eben damit zugleich jede Eindeutigkeit örtlicher und zeitlicher Bestimmbarkeit. Was stattdessen sichtbar wird, ist ein vielschichtiges kulturelles Prinzip.
Die breit angelegte vielfächrige Form des wandeinnehmenden Atelierfensters mit Metallrahmen schafft als ein Versatzstück europäischer, urbaner Moderne Anklänge ans Bauhaus und weit darüber hinaus. Noch das ganz große Fenster in Adolf Hitlers Bergresidenz auf dem Obersalzberg gehorcht eben dieser Form, wie Heinrich Hoffmanns berühmtes Photo „Ausblick auf den Untersberg von der großen Halle“ belegt. Anders, als im Haus der
Großmutter in Istanbul jedoch, wo die Schatten als durch den gesamten Raum vagabundierend erinnert werden, bleibt im Haus des großen Okkupators selbst der Schatten des grandiosesten Bergpanoramas noch artig auf dem Beistelltisch.
In seiner Videoinstallation „Das große Fenster“ evoziert Marcel Odenbach eben dieses monumentale Panoramafenster als ein schwarzes Raster, mit dem er den heutigen Ausblick auf die gegenüberliegenden Berge belegt. Odenbachs Raster und das Öztürksche Gitter ähneln sich nicht nur in ihrer Form, sondern auch in ihrem Auftritt als optische Apparate. Und eben darin haben sie ebenso wie die von ihnen abgebildeten Fenstermodelle, ein prominentes historisches Vor-Bild: die Dürersche Zeichenhilfe.
In seiner Proportionslehre von 1528 zeigt Dürer die Illustration vom „Zeichner des liegenden Weibes“. Letzteres liegt drall, nackt sich räkelnd auf Kissen gebettet auf einem Tisch vor dem Zeichner, von diesem durch einen Rahmen mit eingezogenem Gitterraster getrennt. Dessen Doppel liegt als vor- bezeichnetes Blatt vor dem Mann, der ein Peilholz zur Bestimmung des Fluchtpunktes an sein Auge hält. Dieser Rahmen des Rasters ist der den Blick in die Zukunft prägende Apparat der korrekten Perspektive vom rechten Winkel. Laut Peter Sloterdijk produziert der Mensch in seiner Wahrnehmung Horizontlinien und verortet sich damit ständig in einer Kugel.
Außer im urbanen Raum, da beginnt er sich im Quadrat wahrzunehmen. Der moderne Mensch ist kariert. Das Fenster der Großmutter steht damit in einer langen Tradition, deren langer Schatten mindestens von Nürnberg über den Obersalzberg nach Istanbul reicht. Das Interieur in der Kunst macht einen Raum, egal, wie entlegen in Ort und Zeit, egal, wie intim und privat zu einem, dem Blick des Betrachters jederzeit bedingungslos zugänglichen Ort und damit zu einem visuellen Gemeinplatz.
Das, was die Installation als persönliche Erinnerungsbilder zitiert, fällt jenseits aller örtlicher, zeitlicher und individueller Spezifik auch einem Kanon der Bilder anheim, in dem nicht familiäre Verwandtschaftsverhältnisse dominieren, sondern Bildtraditionen.

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Nachspann: Endlich Orient!

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Im letzten Raum der Ausstellung folgt so etwas wie die Außenansicht der zuvor beschworenen Innenräume. Vor der der Projektionsinstallation rückseitigen Wand stehen Keilrahmen mit Folien bespannt und mit Paketklebeband in engen geometrischen Mustern überzogen, sie werden rückwärtig beleuchtet. Hier entsteht ein Mashrabiya evozierendes Ensemble, jene Fenster- und Erkerverkleidungen, die im Muster enger geometrischer Arabesken
Einsichtsschutz bieten und Ausblickmöglichkeiten garantierten. Inmitten dieser orientalischen Gitterphantasien erscheint ein mit bildnerischen Darstellungen bereicherter Vorhang. Überzogen mit einem engmaschigen Wabenmuster bildet er den Hintergrund für ein mit Klebeband „gezeichnetes“ Porträt der Großmutter in Bluse und geblümtem Schal. Ihr Bild wird ergänzt von einem geklebten Sternenmuster, rotfarbig aufgesprühten Silhouetten
und in rotem Garn gefassten Brandlöchern. Die Muster- und Formensprache zitiert vor allem tscherkessische Traditionen neben eigenen künstlerischen Bildfindungen. Die Zeichen werden eingesetzt in einer höchst persönlichen Darstellung von Leben und Leiden einer Großmutter durch ihre Enkel.

Hier scheint das Bild endlich zu stimmen. Orientalisches Fenstermaß erscheint, wieder erkennbar auswärtsspezifisch und obersalzbergfern. Selbst die türkische Großmutter höchstpersönlich tritt in Erscheinung!
Und doch wird ausgerechnet das, was als Bild- und Zeichensprache die Großmutter als Orientalin auszeichnet, zum Verhängnis für diese Blickgewissheit auf das eindeutig Fremde. Denn das Tscherkessische wird hier zum Thema. Die Mutter der Großmutter ist eine Pomakin und da der Vater der Sohn einer Tscherkessin ist, wird die Tochter zu einer tscherkessichen Prinzessin erklärt. Bei ihrer Geburt lebt die Familie längst in Istanbul und auch wenn die Großmutter damit eigentlich eine waschechte Istanbulerin ist, so gilt in der Familienerinnerung bis heute der tscherkessische Herkunftszusammenhang als ihr zugehörig.
Während also die Mashrabiyas als eine Referenz an das Orientalische der Stadt Istanbul auftreten, wird die Großmutter über die Migrationsgeschichte ihrer Familie in die Türkei erinnert. Ihr Geschmack für Fenster nimmt die Migrationsgeschichte der Familie ihrer Tochter nach Deutschland vorweg. Ihre Enkelinnen werden, obwohl in Deutschland sozialisiert, beharrlich zu dem anderen an Migrationserfahrungen geschulten Blick befragt. Ihre Antwort ist das sowohl als auch, ein „to and fro in shadow from inner to outer shadow, … heedless of the way, intent on the one gleam or the other.“
Und sie sprechen darüber, indem sie über ihre Erinnerungen sprechen und deren kreative Überblendungsmöglichkeiten zeigen. Sie sprechen von einem Zuhause von dem man sprechen kann, denn es bedeutet die Beheimatung in mehr als einer Kultur. Und eben darin bezeichnet es eine Lebens- und
Erfahrungsrealität, die für viele Europäer Alltäglichkeit ist.
Spätestens da, wo sich die Schatten treffen, ist ein guter Ort gefunden, das Trennende zugunsten des Gemeinsamen zu vergessen und sich in einem Europa des größeren Rahmens zu begegnen. Dort wird man auf Menschen und Geschichten treffen, wie der von Nadiye Özdöl: Tscherkessische Prinzessin ehrenhalber, Liebhaberin einer Architektur der europäischen Moderne und türkische Großmutter von Anny und Sibel Öztürk aus Offenbach am Main.


Rafael von Uslar