Behind the Wheel – Istanbul

Anny and Sibel Öztürk

The subject of Gastarbeiter creates the crux of Behind the Wheels by Anny and Sibel Öztürk. In the installation Behind the Wheel (2003), the sisters depict the annual trips back to Turkey. The older model Mercedes Benz (or like in Istanbul and in Montenegro another car model) with Offenbach license plate is in the exhibition space, with its rooftop luggage carrier packed with suitcases and a rolled up carpet. The vehicle’s interior is decorated with streamers, doilies, blankets and pillows. One can hear music alongside voices and laughter that remind us of the absent travelers. With maps illustrating the route, drawings (gouaches of moments in the journey), texts on the walls (speaking of longing for the grandfather, the south, the sea), this story tells of the communal experience among the Gastarbeiter, in Germany presenting us a (re)creation of an annual journey between these two countries. Through this work, the Öztürk sisters turn their family trips into a collectively shared experience and memory, and their experience and memory into an art installation.

Although Behind the Wheel might be viewed as a typical work created by the daughters of guest workers, it is an exception as the two sisters Anny and Sibel Öztürk have a rather different (hi)story. Anny was born in 1970 in Istanbul and her sister Sibel in Eberbach am Neckar in 1975. As Anny and Sibel recall:

Our parents left for Germany in 1972. Their decision was made more from a desire for adventure, wanderlust. Both journalists, well off and with one child, they set off to see the world. They did not go to make money. They went to experience something new [16].

Both sisters grew up in Germany and studied at the Städelschule in Frankfurt. When Anny is asked of how being born in Istanbul and spending most of her life in Germany has influenced her art, she responds:

My home is in more than one culture, this fact is reality for a huge amount of Europeans and by no means an exception. This has a big influence on my work and on the collaboration with my sister Sibel. Many of our works are based on memories. Most of them refer to shared familiar memories. Therefore we have reference fields whose character differentiates in a cultural context, Germany and Turkey. Both are inextricably linked with each other [17].

What the sisters do on a personal level is to record and present their memories and subjective experiences which constitute the basis of the work, and on a general level, the work connects simultaneously with the artistic and non-artistic communities in-and-between these countries, as this is a vision commonly experienced during the summer holidays. Behind the Wheel takes the actual mobility of the Gastarbeiter, folds and presents it back to us. The cliché of the Gastarbeiter family; an image of the Turkish worker and his family going back to the ‘motherland’ is in front of our eyes. The Öztürk sisters give an artistic visibility to this journey and its participants although they are physically absent. But where does Turkey stand for these artists? How do they ‘fold’ Turkey into/with Germany? Anny Öztürk responds:

Our connection to Turkey is strong… in our hearts. The language I use when thinking, dreaming, and speaking is German. My Turkish is more of a foreign language. I always want to live in Germany, but I want to be buried in Turkey with my ancestors, with my family [17].

Through their work, we can see how migrants transform geographic and cultural boundaries, how such ‘travels’ potentially change and challenge presupposed understandings of identity.

Advertisements

Behind the Wheel

PR-07-tuerkisch06-g
Anny Öztürk, die noch in Istanbul zur Welt kam, und ihre Schwester Sibel Öztürk, geboren  in Eberbach/Neckar, gehören der zweiten Generation türkischer Migranten an und haben an der Frankfurter Städelschule studiert.
Sie beschäftigen sich intensiv mit der Konstruktion von Erinnerung und mit Räumen, in denen sich Erinnerung abzeichnet. Dabei geht es nicht darum, originäre Erlebnisse und Bilder abzurufen, sondern diese retrospektiv zu erneuern und zu kontextualisieren. Die Erinnerungsform ist stets eine rückblickende, der Ausgangspunkt aber ist die Gegenwart der Künstlerinnen. Bei den Öztürks ist das Erinnern und das damit verbundene Produzieren von Bildern und Texten Bestandteil ihrer künstlerischen Verfahrensweise. Ausgangspunkt für viele ihrer Arbeiten ist die eigene Kinderzeit, Erfahrungen, die sie und ihr Aufwachsen prägten.
Im Zentrum ihrer Installation Behind the Wheel beispielsweise steht ein historischer weißer Mercedes, der mit Koffern und Teppich beladen ist. Das Kennzeichen OF – X 409 verortet den Wagen im hessischen Offenbach, wo die Öztürk-Schwestern aufwuchsen.
Von dort ging es alljährlich im Sommer in die Türkei, und die tagelange Autofahrt führte die Familie durch osteuropäische Länder wie Jugoslawien, Bulgarien, Österreich, Italien, Griechenland und auch mal Rumänien. Diese Reiseroute dokumentieren die Öztürks auf mehreren Landkarten und verbinden einzelne Stationen dieser Fahrt mit Erinnerungsbildern. In diesen kolorierten Zeichnungen, die auf eigenen Familienfotografien beruhen, visualisieren Öztürks kleine Szenen. Handgeschriebene Texte erläutern die Bilder, breiten aber auch ein Narrativ aus, das scheinbar auf erlebter Erinnerung basiert und einen tagebuchähnlichen Charakter evoziert. Da die Bilder jedoch stets formelhaft und reduziert wirken, die Personen mehr als Typen denn als Individuen ins Bild treten, wird von der subjektiven Erinnerung abstrahiert und es bleibt Platz für eigene Projektionen.
behind the wheel 04
Öztürks verarbeiten in ihren Zeichnungen Ausschnitte aus einer Kindheit, die von einer nicht-deutschen Herkunft geprägt ist, sie beschreiben einen Zustand, der ihre Sozialisation bestimmte. Nur während der Sommermonate lebten die beiden bei Großeltern und Tanten und waren mit anderen Gebräuchen und Traditionen konfrontiert. Diese Erfahrung teilen sie mit vielen anderen Migrantenkindern, die Jahr für Jahr in das Herkunftsland der Elterngeneration fuhren und dort nur einen Ausschnitt einer sogenannten Heimat erlebten.
Burcu Dogramaci

Wallhangings Floorlayings

Wallhangings Floorlayings

Anny und Sibel Öztürk zeigen eine Arbeit aus einem großen, handbemalten Teppich und einer Skulptur.Der Teppich, der ob seiner Größe sowohl als eine Wandarbeit als auch als eine Bodenskulptur fungiert, variiert Motive nach Skulpturen von Constantin Brancusi und “Muster” aus Gemälden von Frank Stella, die Anny und Sibel Ötztürk bereits in einer früheren Teppich-Arbeit für ihre Ausstellung Das Auge des Sammlers in den 11m2, 2014 aufgegriffen haben. In dieser Ausstellung traten sie als Sammlerinnen auf, die sich Werke der Moderne aneigneten und sie mit eigenen Erzählungen und Kommentaren überformten. An dieses Sammlerkabinett knüpft der große Teppich in Wallhangings Floorlayings sichtbar an.

Großen Raum im Werk der Künstlerinnen nimmt der Umgang mit Erinnerungserzählungen ein, in denen, an Hand der eigenen Familiengeschichte, das Beheimatetsein in mehr als einer Kultur zum großen übergreifenden Leitthema wird.

Die Geschichte, in der sich ein Zusammenhang zwischen den Werken des rumänisch stämmigen Künstlers Constantin Brancusi, einem der bedeutendsten und einflussreichsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts und der Familiengeschichte der Öztürks herstellen lässt, nimmt ihren Anfang in der expansiven Siedlungspolitik des osmanischen Reiches in Osteuropa. Nachdem ihre Familie bereits seit mehreren Generationen in Rumänien gelebt hatte, erarbeitete sich die Urgroßmutter der Künstlerinnen väterlicherseits dort als Gestalterin und Fabrikantin von Teppichen ein beträchtliches Vermögen. 1918 konnte sie ihr Sohn, Großvater Öztürk, aufgrund der politischen Folgen des Ersten Weltkrieges davon überzeugen, mit ihm in die Türkei zurück zu kehren.

1937 erhielt der seit 1904 in Paris beheimatete Brancusi den Auftrag für ein Kriegerdenkmal in Targu Jiu, das der im Ersten Weltkrieg gefallenen rumänischen Soldaten gedenkt. Zu dem dreiteiligen Ensemble, das zu den Hauptwerken des Künstlers zählt, gehört die größte Fassung seiner “Endlosen Säule”, die auch im Teppich der Künstlerinnen eine Zentrale Position einnimmt.

Sieben Jahre nach ihrer Installation Unspeakable Home*  machen Anny und Sibel MyBerlinWall mit der Installation Wallhangings Floorlayings zu einem Ort, an dem sich die mütterliche und die väterliche Linie der Familie Öztürk in einer von den Schwestern betriebenen Rezeption der europäischen Moderne treffen. Stand
Unspeakable Home noch klar im Zusammenhang ihrer Installationen, die sich aus “Illustrationen” ihrer familiären Erinnerungsgeschichten verstanden, so gehen sie mit Wallhangings Floorlayings einen neuen, aus ihrem Sammlerkabinett heraus entwickelten Weg. Geschichte und Geschichten werden hier in einer abstrakteren, offeneren Form der Erzählung vermittelt.

Beiden Installationen ist gemeinsam, dass sie sich in ihrer Gestaltung gezielt mit dem Ausstellungsort, einer Wand in einem privaten Interieur, auseinandersetzten. Unspeakable Home erweiterte, unter Berücksichtigung des Grundrisses der Wohnung, das tatsächliche Zuhause unaussprechlicherweise um den Wintergarten von Adolf Hitlers Berghof. Wallhangings Floorlayings nimmt in Gestalt des Teppichs die Form eines Gegenstandes an, der durchaus ein Vorkommen in einem Charlottenburger Haushalt haben könnte. Er greift von der Wand, als Wandteppich, auf den Boden über und wird so für die Dauer der Ausstellung zur realen Auslegeware des Esszimmers, in dem sich die Ausstellungswand von MyBerlinWall befindet.

Für die Bereicherung durch die Immigrantenkulturen ist diese Arbeit von Anny und Sibel Öztürk auf gleich mehreren Ebenen ein hervorragendes Beispiel. Ihr Teppich bedient sich in der künstlerischen Rezeption historischer Kunstwerke bei allen Unterschieden der künstlerischen Sprache, einer ähnlichen erzählerischen Strategie.

Rafael von Uslar

image7h

Das Auge des Sammlers im Lili-Tempel

Das Auge des Sammlers II, 2016

zu Gast im Lili-Tempel in Offenbach

Die Vernissage/Austellung im Lilitempel in Offenbach, geht nur einen Abend lang.
Wladimir Kaminer wird mit seinem Filmteam von 3Sat vor Ort sein und Aufnahmen machen.

 

Mit freundlicher Unterstützung
von Dr. Claudia Nagel und des Amtes für Kultur- und Sportmanagement der Stadt Offenbach

Der Metzlersche Badetempel in Offenbach am Main, vom Volksmund Lili-Tempel genannt, ist ein ehemaliger klassizistischer Badetempel des Frankfurter Bankiers Friedrich Metzler in der Offenbacher Innenstadt.

Erbaut wurde der Badetempel 1798 vom französischen Architekten Nicolas Alexandre Salins de Montfort, nachdem Metzler 1792 seinen Sommersitz nach Offenbach verlegt hatte. Der Bau gilt als Montforts einziges Werk im Rhein-Main-Gebiet, das im Ursprungszustand erhalten ist.

Der Tempel erhielt im Volksmund seinen Namen Lili-Tempel nach der Verlobten Johann Wolfgang von Goethes, Anna Elisabeth Schönemann, mit der sich dieser 1775 im umliegenden Park zu treffen pflegte. Der Park erhielt den Namen Lili-Park erst zum 100. Todestag Goethes im Jahre 1932.  – Wikipedia

img_7896

Another Brick in the Wall

wandjpeg-kopie
Another Brick in the Wall

An der Paul Hindemith Schule gilt es den zentralen Aufenthaltsraum der Schule zu gestalten. Diese Gestaltung soll als ein von Künstlern begleitetes Schulprojekt entwickelt werden.

Am Anfang der Entwicklung einer Gestaltungsidee steht die Frage an die Schülerinnen und Schüler, was sie sich für ihre Schule und für den Aufenthaltsraum im Besonderen wünschen. Welche Gemeinsamkeiten sie für sich entdecken.

Die künstlerische Konzeption sieht vor, dass die Schüler exemplarisch eine „Stimme“ bekommen, das heißt zu Wort kommen, mit dem, was ihnen wichtig ist.

Als Leitmotiv dient die Internationalität der Schule. Ihr Namensgeber, einer der bedeutendsten Komponisten des Zwanzigsten Jahrhunderts, lehrte und arbeitete in Deutschland, der Türkei, der Schweiz und den USA. Die internationale Wirkung seines Schaffens geht zudem bis heute noch sehr weit über diese Lebensstandorte hinaus. An „seiner“ Schule kommen Lehrende und Lernende zusammen, deren Familien in den unterschiedlichsten Nationalitäten ihr Herkommen haben. Diese Internationalität stellt einen großen Reichtum kultureller Hintergründe dar und bildet einen wesentlichen Ausgangspunkt für die Grundidee des zu entwickelnden Gestaltungsprojektes.

Zunächst einmal gilt es herauszufinden, wie viele Nationen in der Hindemith Schule vertreten sind. Die sich hier bietende Vielfalt eröffnet das Abenteuer, das ganz Besondere und je Eigene des kulturellen Herkommens ebenso zu bestimmen, wie die entscheidenden Gemeinsamkeiten zu entdecken und zu erforschen. „Viele sind wir“, heißt es in einem Gedicht von Pablo Neruda. Viele, das bedeutet nicht nur Vielzahl, es kann eben auch Vielfalt bedeuten.
Die Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk beziehen sich in ihrer persönlichen und künstlerischen Identität auf zwei Kulturen, auf Deutschland, als dem Land ihres Lebens- und Arbeitsschwerpunktes und auf die Türkei, als dem Land ihrer familiären Wurzeln. Ihre Arbeit ist wesentlich geprägt und inhaltlich bestimmt von der Verwurzelung in mehr als nur einer Kultur. Ihre Stärke ist es, in im Wortsinne vielschichtigen Erzählungen, kulturelle Muster in ihren Erzählungen zu überblenden und dabei zu erstaunlich einfachen, aber höchst eindrücklichen Bildzeichen zu finden. Ein weiterer, wichtiger Aspekt ihrer Arbeit ist die Offenheit für kreative Beteiligungen und Kooperationen. Eines ihrer Projekte haben sie „Labor“ genannt. Tatsächlich ist das offene Labor, die für viele geöffnete Arbeitsstätte, die große „audience-participation-number“ ein ganz wesentlicher Aspekt ihrer Arbeit.
bild

Ziel des Projektes ist es, den Schülern und Schülerinnen, das was sie in alltäglicher Erfahrung als aneinander fremd und trennend erleben mögen, als eine Stärke und Bereicherung zu erschließen. Ziel ist es, dass die Schülerinnen und Schüler sich die Schule als „ihren“ Ort erobern, einen Ort, den sie gestalten können, an dem ihre Interessen und Identitäten sichtbar prägende Zeichen hinterlassen.

Der Titel des Projekts zitiert mit „Another Brick in the Wall“, den 1979 veröffentlichten Welthit der britischen Rockband Pink Floyd. In dem leider etwas schlichten Text dieses Liedes werden öffentliche Bildungsaufträge ebenso als missbräuchlich verunglimpft, wie der Bau von Mauern. Während ohne Zweifel Bildung ebenso fördern kann, wie Mauern schützen und umfrieden, so wird in diesem Projekt jede Stimme, jede von den Schülerinnen und Schülern eingebrachte Idee, zu einem Baustein zum Aufbau der gemeinsam  entwickelten Wandgestaltung.

Rafael von Uslar