Dresdner Zimmer

Dresdner Zimmer (2000)

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The Dresden Room was realized as a counterpart of the Frankfurt Room. In 2000, the Öztürks visited the former East Germany for the first time. They came across places that seemed perfectly compatible with the image they had in their mind of the East. Just as the two artists conceived of Turkey as a ‚black-and-white‘ country because of the black-and-white photographs hanging in their grandparents‘ homes, they also believed that East Germany was a grey, bleak and faded country in which the sun never shone. Their perception of (life in) the East was ultimately the product of images they had seen as children in Czech or Polish movies. The Dresden Room contains furniture – an armchair, a sofa, a table and sideboard – made of cardboard, fabric and self-adhesive imitation-wood-grain plastic veneer. Stills taken from famous DEFA movies (the Deutsche Film-Aktiengesellschaft was the East German state’s official film studio) hang on the walls. In both the Frankfurt Room and the Dresden Room, the Öztürks contrasts their memories of a Turkish childhood with their views of childhood in East Germany, and in both cases they fall back on the clichéd images that underlie their view of the two cultures.

Barbara Steiner

Preparations for a Journey

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Preparations for a Journey (2002)

Ankunft am Bahnhof. Im Wirrwahr der Menschenmenge kommt die Familie kaum durch. Alle sind aufgeregt. Der Zug ist am Gleis und sie steigen ein. Draußen stehen Menschen, die sich verabschieden. Die Reise beginnt. Im Koffer ist nur das Nötigste für die erste Zeit. Ein letzter Blick auf Istanbul…
So könnte jede stereotype Reise eines Gastarbeiters und seiner Familie beginnen: „ein Koffer voller Träume“.
Aber Anny und Sibel Öztürks Inszenierung eines deutschen Zugabteils, dass in den 1960er und 1970er Jahren zum Transport von tausenden Gastarbeitern nach Deutschland diente, ist mehr als nur eine historische Rekonstruktion. Die Wände des Zugabteils sind aus Furnier und die Sitze sind einfach zusammengebaute Bänke.
Weil man einander gegenüber sitzt, ist es schön sich dort aufzuhalten, aber nicht wirklich bequem. An den Wänden hängen ein paar „echte“ Versatzstücke: Spiegel der deutschen Bahn, Aschenbecher, Ablagen. An der Stirnwand ist ein Fenster angebracht. Die Mischung aus Nachbildung und Original beschreibt die irreale Situation einer Reise, vor allem aus der Sicht der Kinder. Während einige Elemente der realen Erinnerung entsprechen,
sind andere nur noch Referenzen, die in die Sphäre des Imaginären ragen. Im Hintergrund ist ein Zug und ein Super8-Projektor zu hören, aber das Abteil bewegt sich nicht und die Bilderam Fenster zeigen keine vorüber gleitende Landschaft.

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Die Reise als Innere und äußere Bewegung wird in „Preparation for a Journey” auf den Punkt gebracht. Deutschland beginnt sich in den Köpfen der Reisenden zu materialisieren – lange bevor der erste Koffer gepackt ist. Erste reale Begegnungen mit dem Ziel ist das deutsche Zugabteil. Indem Moment, in dem die Reise ihren Lauf nimmt, wird sie von Rückbesinnungen auf ein bisheriges Leben begleitet. Die projizierten Super8-Filme
verweisen auf eine Reise zurück in die Kindheit. Diffuse Erinnerungen: Die Eltern, der Park, aber wo war das? Wo findet Heimat statt?
Migration wird gerne als Zerrissenheit beschrieben. Es gelingt den Öztürks, dieser negativen Wertung eine persönliche Geschichte zu entgegnen, die aus einer wartenden und unentschlossenen Masse von unberechenbaren Individuen, Menschen mit interessanten Erfahrungen und einer eigenen Geschichte macht. Die Hybridität von Migration bettet sich heutzutage fast von selbst in einer globalen Weltanschauung ein.

Alexandra Ventura

Jolie Charité

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Jolie Charité (2007)

Auf einer Wand findet sich ein aus einzelnen Leuchtbuchstaben gebildeter Schriftzug. Daneben hängt links eine Zeichnung mit Textzusatz und rechts eine Reihe von Photographien. Vor der Wand, frei im Raum, befindet sich ein thekenartiges Möbel, auf dem Informationsmaterial zum Projekt „Jolie Charité“ ausliegt.
Jeder einzelne Buchstabe steht zusammen mit einer Zeichnung zum Verkauf. Mit dem Erwerb des Kunstwerkes geht die Übernahme einer einjährigen Patenschaft für ein Kind bei SOS-KInderdorf oder eine Projektpatenschaft bei Unicef einher. Photographien der im privaten Bereich der SammlerInnen installierten Buchstaben ergänzen die Installation.

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Jolie Charité besteht aus zwei Installationen, die unabhängig voneinander gezeigt werden. Einmal wird mit demSchriftzug aus farbigen Leuchtbuchstaben auf weißer Wand der Name der legendären amerikanischen Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Josephine Baker ausgeschrieben, und einmal der Name der amerikanischen Filmschauspielerin Angelina Jolie.

Jeder einzelne Buchstabe hat seine eigene Stromzufuhr und ein deutlich sichtbares längeres Kabel mit eigenem Stecker. Eine Vielzahl von Mehrfachsteckern
am Boden bündeln die Kabel und ermöglichen, dass der Namenszug an der Wand leuchtend erstrahlen kann.
Den mehrfarbig gestalteten Namenszug gibt es für zukünftige Fassungen dieser Installation in verschiedenen Farbfassungen. Im Raum befindet sich ein thekenartiges Möbel, das sich durch Schlichtheit und gestalterische Klarheit auszeichnet. Auf dieser Theke befinden sich von den Künstlerinnen gestaltete Informationsbroschüren,
die über das Projekt „Jolie Charité“ und sein Anliegen informieren, sowie Material der Organisationen UNICEF und SOS-Kinderdorf.
Neben Schriftzug und Theke hängt je eine Zeichnung, die motivisch und mit Text in das Projekt einführt. Daneben sind einige Photos an der Wand angebracht.

Die Zeichnung Jospehine Baker

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Die Zeichnung nimmt ein Photo zur Vorlage, auf dem Josephine Baker mit all ihren Kindern versammelt zu sehen ist. Gemeinsam pusten sie die Kerzen auf einer Geburtstagstorte aus, wer genau Geburtstag hat zu diesem Anlass ist nicht zu erkennen, denn alle Kinder gemeinsam sind Protagonisten dieses Anlasses. Die Zeichnung hat
den Textzusatz: Ich selbst kannte sie lange Zeit nur als „die Tänzerin mit dem gelben Bananenröckchen“.
Josephine Baker adoptierte 12 Kinder verschiedener Hautfarben und Ethnien, damit protestierte sie auf ihre Art gegen den Rassismus. Oh, jolie Charitè!
Josephine Baker starb 1975 nach einem sensationellen Come-Back. Im Jahr 1975 war Anny Öztürk fünf Jahre alt und Sibel Öztürk wurde geboren. Für die Künstlerinnen ergibt sich folgerichtig die ihrer Zeitgenossenschaft entsprechende Rezeption der Ereignisse, die eine Nachfolge vor dem Vorbild sichtbar werden lässt. Das heißt: Die im Hier und Jetzt agierende Angelina Jolie lenkt den Blick zurück auf ihr historisches Vorbild.

Die Zeichnung Angelina Jolie

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Das aquarellierte Blatt zeigt das amerikanische Schauspielerehepaar Brad Pitt und Angelina Jolie mit ihrer aus Äthopien stammenden Adoptivtocher Zahara und ihrem aus Kambodscha stammenden Adoptivsohn Maddox.
Die multikulturelle Familie hat sich in ihrer Küche und um eine frei im Raum installierte Spüle versammelt. Vor dem Paar steht ein Teller mit Obst, von denen Pitt isst. Jolie hält den Mund geöffnet, wie um zu einem breiten Lächeln oder einem Lachen anzusetzen. Der momenthafte Eindruck der Szenerie verstärkt den Charakter des Privaten. Zugleich jedoch wirken die Haltungen der Dargestellten wie Posen, was die Situation eher als Teil einer
offiziellen „Home-Story“ erscheinen lässt. Hinter der Familie gibt eine offene Tür den Blick auf einen Flur und weitere Zimmer frei. Links neben den Personen hängt an der Wand ein mit einem frei über die Wand geführten schwarzen Kabel, als Leuchtmittel gekennzeichnetes rotes Objekt in der Form eines accent agui. Unter der Zeichnung findet sich ein Textzusatz:
„Mir gefällt die Idee, das accent aigu von der Berliner Charité zu entwenden. Ich würde es Angelina Jolie schenken. Sie soll es in ihre Küche hängen und als Wandleuchte nutzen, wenn sie mit ihrer bunt gewürfelten Familie Zuhause kocht. Das accent aigu sollte so zu ihrem Leben gehören, wie ein weiteres adoptiertes Kind etwa.“

Das Projekt
Die einzelnen Buchstaben des Schriftzuges der Installation stehen zum Verkauf. Jeder erworbene Buchstabe wird mit einer Zeichnung begleitet, einem Original in Serie, die mit der in der Installation gezeigten Zeichnung identisch ist. Zusammen mit dem Leuchtbuchstaben und der Zeichnung wird „automatisch“ eine im Verkaufspreis
inbegriffene einjährige SOS-Kinderdorf für ein Kind oder eine Unicef Projektpatenschaft übernommen.
Die geneigten SammlerInnen sind aufgefordert, die erworbenen Buchstaben zusammen mit der Zeichnung im eigenen Heim zu installieren und den Leuchtbuchstaben als Lampe zu benutzen. Dabei wäre es wünschenswert, würden die Leuchtkörper im Bereich des alltäglichen Umfelds platziert und aufgenommen.

Die Photographien

Die solchermassen im privaten Umfeld integrierten Buchstabenlampen werden, bevorzugtermassen mit den ins Bild gerückten SammlerInnen, von den Künstlerinnen dokumentiert. Diese Photos werden zu einem Bestandteil der Installation im Museum.

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Die solchermassen im privaten Umfeld integrierten Buchstabenlampen werden, bevorzugtermassen mit den ins Bild gerückten SammlerInnen, von den Künstlerinnen dokumentiert. Diese Photos werden zu einem Bestandteil der Installation im Museum.

Jospehine Baker und Angelina Jolie

Die legendäre amerikanische Künstlerin Josephine Baker war eine der bedeutendsten Entertainerinnen ihrer Zeit.
Sie war eine Vorreiterin im Kampf gegen Rassentrennung und Rassismus, Mitglied der Restistance und sprach als einzige Frau bei Martin Luther Kings Marsch auf Washington. Für ihr politisches Engagement wurde sie mit zwei der höchsten politischen Auszeichnungen Frankreichs geehrt, dem Croix de Guerre und der Mitgliedschaft in
der Légion d`Honneur. Seit 1950 startete sie ihr eigenes, privates „Experiment der Brüderlichkeit“, indem sie eine Familie gründete und seit 1950 12 Kinder unterschiedlicher nationaler, ethnischer und religiöser Herkunft adoptierte. Diese Familie bezeichnete sie als „The Rainbow tribe“ und verstand ihr Familienleben als ein wegweisendes politisches, kulturelles und soziales Vorbild.
Diesem großen und überaus beeindruckenden Vorbild folgt die amerikanische Filmschauspielerin Angelina Jolie seit einigen Jahren mit dem Konzept, über Adoptionen eine große multikulturelle Familie aufzubauen. Seit ihrer Ehe mit Brad Pitt wird diese Familie auch um eigene Kinder ergänzt. Auch Jolie spricht so folgerichtig von ihrer
„Regenbogenfamilie“. Angelina Jolie und Bratt Pitt stellen ihre große internationale Bekanntheit und Popularität in den Dienst internationaler politischer und sozialer Arbeit. Angelina Jolie ist seit 2001 „Botschafterin der guten Hoffnung“ des United Nations High Commissioner for Refugees; eine Aufgabe, die sie mit großem Engagement wahrnimmt und für die sie 2005 mit dem „Global Humanitarian Action Award“ ausgezeichnet wurde. Jolie ist außerdem Unicef-Botschafterin. Gemeinsam mit ihrem Mann unterstützt sie zahlreiche internationale Hilfsprojekte und globale Interessengruppen.
Beide Frauen eint der Wille, außerhalb des öffentlichen Engagements für ihre politischen und sozialen Überzeugungen auch das Familienleben als eine Frage des politischen und sozialen Engagements dann dochbedingt öffentlich und multikulturell mit klarer politischer Signalwirkung zu gestalten.

„Jolie Charité“

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Die Installation nimmt das vorbildliche Beispiel sozialen Handelns der beiden Frauen Josephine Baker und Angelina Jolie symbolisch auf und verpflichtet spielerisch und mit Humor die Sammler/innen zu einer Teilnahme.
Im Zusammenspiel mit der über das Kunstwerk im Projekt vermittelten Patenschaft geht es hier um mehr als um den Erwerb einer weiteren künstlerischen Arbeit. Ein Erwerb bedeutet eine Teilnahme an dem Projekt „Jolie Charité“. Es wäre wünschenswert, würden die Sammler/innen vor diesem Hintergrund ein Leben mit den Leuchtbuchstaben gleichsam als „Adoption“ des Objektes in die eigenen Lebenszusammenhänge begreifen.
So legt das Projekt „Jolie Charité“ eine Nachahmung des leuchtenden Beispiels von Josephine Baker und Angelina Jolie nahe, auch wenn die Sammler/innen im Gegensatz zu diesen beiden Frauen in ihrem Zuhause nicht ein Kind, sondern vielmehr eine Lampe aufnehmen. Diesen Lampen jedoch ist ein in jeder Hinsicht erhellendes Wirken zu wünschen!

Rafael von Uslar

KorridorGalerie – StudioSatellite

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KorridorGalerie – StudioSatellite, 2010

center for young contemporary art, club, gallery and openstudio.

Die KorridorGalerie  war ein Projekt von Anny und Sibel Öztürk und befand sich von 2010 bis 2013 im zweiten Stock des Atelierfrankfurts, direkt im Korridor ihres Ateliers.

Zehn Ausstellungen wurden durchgeführt mit jungen Künstlers aus dem nationalen, wie internationalem Raum.

 

Ausstellungen

18.06.2010 Mark Ramé, Canada – Squareattackbashed banquet

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24.09.2010 Anja Conrad, Frankfurt – Let`s get it on

25.02.2011 Simon Starlink, London/Berlin – Reality Distortion Field

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„Chrystal Light Silver Screen “ (naturalized silver shower refraction), medium | foil and airbrush on aluminium , 2010 | 2010 | The silver screen. – Space for the most artificial projections on nature in a social context. This new thin sculpture by the master solution fraction at Studio Starlink is representing the monumental social idea of enjoying rays of light beamed on a silver or through a transparent surface as representatives and transformations of ideas, of recorded, created and remastered reality, as the space that can be filled with everything you ever dreamed of (or could dream of, if you would be imaginative enough). The „Chrystal Light Silver Screen“ (medium dimensions) is a monument for the total spectrum of light and a representative for upcoming computer screens which are supposed to be more vivid and natural, organic and pyrotechnical,haptic, more humane, 3-d and so on. It represents a depth in the superficialness, being superficial at the same time – a perfect contradiction revealing all inconsistencies of hours and hours we spend day by day in front of our laptop screens, waiting for the train that never comes, following texts,pictures,diversions, reflections,abstractions, our own projections and everything that is generated by the spectral ranges of our mind nobody really is aware of.Like clear shapes that are unseizable connected only by the belief of a consistency that dematerializes itself more and more by closer view on its energetic surroundings, this silver screen is an ode to the inspiration of regenerative multiplication. | © Studio Starlink 2010

 

06.05.2011 Scott Redford, Australien – PHOTO/SURF: Reinhardt Dammn + The Surf Gods Command (New Single OUT NOW)

kuratiert von Rafael von Uslar sowie Anny und Sibel Öztürk

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PHOTO/Reinhardt Dammn: THE SURF GODS COMMAND!

I stood before the hallway, intending to exhibit a bunch of guitars, then from Higher Beings I received the command: No bunch of guitars! Exhibit chunks of surfboard! At first I intended to go on but then I realised that they meant business.

BLINKY + SURFER + HAMLET = DAMMN

We’ve all seen the film. In a way it’s comforting to see an old story retold. Like a favourite children’s book. Reinhardt Dammn is a fictional/archetypal film character. He’s a charismatic, twenty-something contemporary artist/surfer dude with rock star ambitions that far outstrip his actual abilities. His energetic, frenetic, story eventually leads to his tragic, near-fatal downfall; a sort-of Surfer Hamlet tale of “I fought the law and the law won”.

This exhibition is my debt to two favourite contemporary German artworks: Sigma Polke’s Vitrinenstuck 1966 and Blinky Palermo’s Dreleck uber einer Tur (blau; schawrz), Wohnung Franz dahlem/Six Freidrich 1971.

Writer Angel Gonzalez Garcia casts Blinky Palermo as “a victim” of sorts of his teacher Joseph Beuy’s in/famous loquaciousness and myth making.

this poor silent boy thereby became the best publicity for his (Beuys’s) method…the style of Rudolf Steiner, the awkward explicit allusions to murky shamanic rites, or the climate of fanaticism and exclusivity it favoured – probably called for human sacrifices and there is no doubt that Palermo was the ideal candidate for becoming a victim: an orphan, unheard of, young and beautiful, quiet..With the brutality he so often showed, Beuys told Laszlo Glozer, “(Blinky Palermo) was only too pleased to let himself be used…” Everytime I see Beuys “explaining pictures to a dead hare”, I can’t help thinking that the hare is Palermo.” 1.

Reinhardt Dammn is no silent victim. He’s a noisy self promoter who is sure contemporary art is some hoax but also Reinhardt knows art is something he can exploit to gain power: “You can get money for that blank monochrome painting! Sweet!” However like all wannabes he blindly forgets his identity models and the ghosts he encounters roaming those dark beaches before dawn don’t give him anything at all. To his peril Reinhardt has moved from being a producer of meaning back into being a consumer. Now he will be consumed by all those dead but needy sons and fathers.

SAW THAT BOARD UP! CUT OUT THE BEGGAR! PRODUCE!

THE SURF GODS COMMAND! OSIRIS!

  1. Angel Gonzalez Garcia, ‘How to Show Pictures to a Dead Artist” in Blinky Palermo, Museu d’Art Contemporani de Barcelona 2003, ex.cat. p.85

     

     09.10.2011 Edith Kollath – In Light and in Gloom

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    Die Poesie des Immateriellen

    Edith Kollath  haucht in ihren Kunstwerken – wie Pygmalion in Ovids „Metamorphosen“ – unbelebten Dingen Leben ein. Dabei erschafft sie auf vielfältige Weise einen Kosmos ästhetischer und zum Nachdenken animierender Transformationen: von einem wiederholt und immer anders fallenden Tuch über eine (künstlich erzeugte) Wolke, die entsteht und wieder vergeht, bis hin zu atmenden Büchern, die eine ganz eigene, neue Geschichte erzählen. Edith Kollath ist sich ihrer Hybris bewusst, wenn sie, was eigentlich nur den Göttern vorbehalten ist, den menschlichen Atem zur Quintessenz ihrer Kunst erhebt. Die so entstehenden Arbeiten überzeugen durch ihre minimalistische Eleganz und ruhige Eloquenz.
    Christina Grammatikopoulou

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    18.11.2011 Bertil Mark – Insight Outside

     

    24.02.2012 2151 – Schwer

    SCHWER ausgeführt von 2151

    2151 ist ein niemand in der (Kunst)Welt. 2151 ist ein Medium. Mehr nicht, Weniger nicht.

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    04.05.2012 Boris von Brauchitsch – I don´t like White

    kuratiert von Rafael von Uslar / Anny und Sibel Öztürkimg_2816

    I don’t like white

    Zwölf sehr subjektiv formulierte Thesen umkreisen Grundfragen des Mediums. Was gibt Fotografie wieder? Braucht Fotografie eine Aura? Braucht Fotografie eine Philosophie? Was bedeutet „authentisch“? Wie glaubhaft sollte Kunst sein? Woher kommt die Sehnsucht der Sammler nach dem Originalen? Ist Fotografie visualisierte Libido? Und einiges mehr.

     

     

    31.08.2012 – Troy-Anthony Baylis, Michael Maria Müller und Scott Redford – Bilder zur Sonne

    Photos: Aufbau und Eröffnung mit Kurator Rafael von Uslar, Künstler Michael Maria Müller


    kuratiert von Rafael von Uslar
    Im Sehnen suchen
    Da steht das nahe kalendarische Ende eines Sommers vor Augen, der – von einigen Regenpausen abgesehen – an übersichtlich wenigen Tagen stattgefunden zu haben scheint. Ein schmerzliches Bewusstsein schafft sich unermüdlich Bahn, dass in einigen Wochen nun wieder gilt: „Es kommen härtere Tage.“ – Sehnsucht kommt auf, die “einzje Energie”, und die gilt uneingeschränkt dem großen, himmlischen Feuerball, dem planetarischen Helden all dieser verpassten Energiegeladenen Sommertage.
    Das wirklich große Sehnen sucht das heiß Begehrte an vielen Orten, allüberall. Der aus der Frustration des Zukurzgenommenen heraussuchende Blick, ist ein unerbittlich zum Finden entschlossener. Jedes Wort, jedes Bild, jede noch so entlegene Erscheinungsform führt schließlich einmal mehr den Beweis zur Existenz des gar so schmerzlich Vermissten. Und oft ist es so, in glücklichen Momenten, dass der Blick auf dessen Bilder viel mehr zu sehen gibt und aussagekräftiger erscheint, als der Blick auf den Gegenstand des Begehrens selbst.
    Das ist dann, ohne Frage, der karge Lohn des quengeligen Vermissens, jene zur Selbsttröstung verbrämte Annahme, es lasse sich im Sehnen finden.
    Troy-Anthony Baylis: Sunset Trees, 2007 (Photo Mark Fuller)
    Ein Aborigine, der strickt. Troy-Anthony Baylis ist ein Nachkomme des Volks der Jawoyn und gehört zu den australischen Künstlern, die zugleich und mit großer Selbstverständlichkeit über ein traditionelles Formenvokabular indigener Kultur, wie auch über das Erbe westlicher Kunstgeschichte frei verfügen. Identität ist ein für Baylis wichtiges Thema, dem er sich in seinen Werken mit großem kulturellen Sachverstand und beeindruckendem Ironiebewusstsein widmet.
    Seine gestrickten Sonnenuntergänge lehnen sich motivisch an Andy Warhols Sunsets von 1972 an. Für das Marquette Hotel in Minneapolis, Minnesota schuf Warhol eine Serie von 472 Siebdrucken, von denen jeder eine originäre Einzelvariante des Grundmotivs eines relativ abstrakt gestalteten Sonnenuntergangs darstellte. Baylis bezieht sich auf dieses Motiv ohne es eindeutig zu übernehmen und gestaltet ebenfalls eine beträchtliche Zahl von Farbvarianten.
    Diese Arbeit ist voller Anspielungen. In ihrer Streifenordnung lassen die Sunsets, über die Warholsche Vorlage hinaus, auch das Motiv der Flagge der Aborigines anklingen. Das Stricken wiederum nimmt Bezug auf traditionelle Knüpf- und Webtechniken, thematisiert aber zugleich auch Aspekte männlicher und weiblicher Identität. Die Anbringung der Stricksonnenuntergänge an Bäumen im Berliner Tiergarten schließlich, versieht die Bäume mit einer Art wollenem Wärmepflaster, was man etwa als farbenfrohe Alternative zu grauem Filz verstehen könnte. Indem sie den Bäumen zur bestrickenden Rinde werden, erinnern die Wollwerke an eine große originäre Kulturtradition der Aborigines, die jedoch auch, dank ihrer touristischen Verballhornung, zu einem Begriff mit Beigeschmack geworden ist: „bark-art“.
    Sonnenuntergänge sind eines der großen kollektiven Sehnsuchtsmotive schlechthin. Unerechenbar die Zahl ihrer Abbildungen in ihren unendlichen Wiederholungen. Menschen photographieren mit nicht enden wollender Leidenschaft Sonnenuntergänge auf Reisen und dokumentieren eben das als den besonderer Moment, was überall auf der Welt sich jeden Tag genau so ereignet. Von Adelaide in den Berliner Tiergarten, auch diese Sonnenuntergänge sind weit gereist, jedoch weiter noch, denn sie haben auf ihrem Weg eine Vielzahl von Bedeutungsebenen durchlaufen.
    Scott Redford: Urinals, 2000, 2003
    Der australische Künstler Scott Redford arbeitet in einer Vielzahl von Medien. Im Bereich der Photographie gehören die Urinals zu seinen bekanntesten Arbeiten. Es handelt sich um Farbaufnahmen von modischen Metallpissoirs an öffentlichen Orten. Herrentoiletten sind Orte männlicher Intimität, die je nach persönlicher Neigung oder Abneigung, eine Vielzahl sehr unterschiedlich besetzter Perspektiven auf sich vereinen können.
    Die formale Anlage der Photographien ist denkbar einfach. Zumeist Bild füllend werden Metallfläche und Wasserspülung in den Fokus genommen. Das Bildformat ist dabei annähernd identisch mit seinem Abbildungsgegenstand. Doch alle offensichtlichen kunsthistorischen, soziologischen und sexuellen Referenzen, sollen im Kontext dieser Ausstellung nicht in erster Linie im Vordergrund der Betrachtungen stehen.
    Alle Urinals sind mit Blitzlicht aufgenommen und es ist die Reflektion des Lichtes, sein Zusammenspiel mit Metalloberflächen und eingespieltem Wasser, die zu einem, die Photographien bestimmenden Motiv wird. Und so ist es auch das Licht, das diesen Bildern trotz ihres prosaischen Gegenstandes, eine große lyrische Schönheit verleiht. Wie sich Sonnenlicht in der Oberfläche des Meeres bricht, sind es hier Kratzer im Metall, die zugleich für Brechung als auch Bündelung der Reflektionen sorgen. In der kleinen Photoedition zu Redfords Ausstellung in der Kölner Lederbar Chains schließlich, verdichtet sich dieses Spiel endgültig zur Assoziation eines romantischen Landschaftsmotivs. Und noch der Urinstein hat das Zeug zur Übersetzung in ein Licht bündelndes Wolkengebilde.
    Vor der Rinne eines Pissoirs stehen und die berührende Schönheit der Welt entdecken, was mehr kann das Zusammenspiel aus saisonal unangebrachtem Sonnenentzug und großer Kunstfertigkeit Überzeugenderes leisten?
    Michael Maria Müller: Lichtfänger, seit 2008
    tripplemDer Berliner Photograph Michael Maria Müller legt seine Arbeiten als Serien an, denen er klare Konzepte zugrunde legt, die er dann in aller Konsequenz verfolgt. Zeit ist ein wichtiges Thema seiner Projekte und wird oft auch zu einem entscheidenden Faktor seiner Arbeit. Er nimmt mitunter für eine entschiedene Bildidee, einen jahrelangen Arbeitsprozess in Kauf. In seinem Projekt Antipoden zum Beispiel photographiert Müller vom jeweils ersten bis zum letzten Licht vor Ort den Himmel an zwei auf dem Globus einander gegenüber liegenden Punkten. Ein weiteres wichtiges Thema ist das technisch in der Photographie Machbare. In der Serie Lichtfänger arbeitet Müller mit einer, nach seinen Vorstellungen für ihn umgebauten Lochkamera. Im Inneren dieser Kamera ist, in einigem Abstand zu dem die Linse ersetzenden Loch, eine hochgradig Licht abweisende Folie angebracht. Diese lässt das eintretende Licht in der Kamera herumvagabundieren und in starkem Maße gefiltert auf den Film treffen. Für das Projekt Lichtfänger hat Müller dabei zwei Versuchsanordnungen gewählt. In einem ersten Schritt hat er die Kamera in seinem Auto installiert und ist in der Algarve herumgefahren. Je nach Ausrichtung der Straße zur Sonne wurde dabei mehr oder weniger Licht aufgenommen. In einem zweiten Schritt installierte Müller die Kamera fest an einem Ort, oft über mehrere Tage hinweg. Dies ermöglichte maximale Licht-Aufnahme.
    Die so entstandenen Photos erinnern auf den ersten Blick an Aufnahmen aus Flugzeugfenstern, durch deren zerkratzten Kunststoff Lichterscheinungen und Lichtbrechungen zu sehen sind. Das, was man an Gegenständlichkeit auszumachen glaubt, sind jedoch nur optische Effekte aus dem Inneren der Kamera. Das Licht, die Präsenz und der Verlauf der Sonne, bilden sich in den Photos hingegen als abstrakter heller Balken, oder als diffuses Strichgebilde ab. Als Betrachter muss man sich vertraut machen mit den Regeln dieser Bildlichkeit, um den eigentlichen Bildgegenstand überhaupt identifizieren zu können.
    Und so sind ausgerechnet diese Bilder, die in Form einer direkten Aufzeichnung Sonnenlicht am „realistischsten“ abbilden, die abstraktesten Motive der Ausstellung. Es ist dies mühsam gefangenes Licht. Und „Es kommen härtere Tage.“
    Rafael von Uslar

 

 

23.11.2012 Geo Reisinger – Changing Views (A Sound Movie)

Changing Views is a three-dimensional sound movie that consists of dialogue, scence noises, and music, as well as the space it is presented in. This space simultaneously becomes stage, projection area and auditorium.

Sounds move through this space, continuously varying in character, composition, density and speed. Laboratory-like, new clusters are produced and set free. The visitors are compelled to produce their own internal images: an endless movie, created purely through sound.

Originally presented at Atelierfrankfurt in November 2012, it was also shown as part of „9 Conditions of Riga“ in Tallinn, Estonia, in October 2015.

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Changing Views ist ein begehbarer, dreidimensionaler Klangfilm, bestehend aus Gesprächen, Geräuschen und Musik. Präsentiert und konzipiert für einen spezifischen Ort, wird der Raum gleichzeitig Bühne, Projektionsfläche und Auditorium.
Klänge bewegen sich durch diesen Raum, kontinuierlich in Dichte, Kombinationen und Geschwindigkeit variierend, inklusive der ständig neu erzeugten Musik. Wie in einem Labor werden neue Mischungen produziert und ausprobiert, die den Betrachter, der Teil des Objektes wird, zum Schaffen eigener interner Bilder anregen

Hafenküche

hafenkuche04Photo: Paola Anziche

 

HAFENKÜCHE, 2005

hafenkuche03Photo: Pfeifle/Westermeier

Hafenküche

Die beiden Schwestern Anny und Sibel Öztürk, gestalteten ab Dezember 2005 für den Zeitraum von sechs Monaten in dem, bis dahin nur selten genutzten Lokschuppen der Hafenbahn, einen Art Kunst-Club.

Jeden Donnerstag und Samstag luden Sie ein, am frühen Abend die Hafenküche zu besuchen und dort die stückweise Metamorphose der Halle zu bewundern, das Rahmenprogramm aus Film, Musik und Installationen zu konsumieren und natürlich exquisit zu speisen.

Das Menu bestand jeweils aus einer Vorspeise, einem fleischigen und einem vegetarischen Hauptgericht, und einem Nachtisch, das mit feinen Getränken abgerundet wurde.

Das Kochen und Essen wurde flankiert von Musik, Film, Performance, Installationen und Ausstellungen.

Für die Verwandlung der acht Meter hohen Halle in einen stimmungsvollen „Dining Room“, liessen Anny und Sibel nicht nur ein komplettes Mobiliar quer durch die Republik chauffieren, sondern auch den Boden mittels eines kompletten Podests anheben. 

hafenkuche01Photo: Sandra Mann

 

Dauer-WandInstallation:

Martin Pfeifle und Christoph Westermeier „Wand- for Paul Smith“
Wandarbeit für das Hafenküchen-Projekt von Anny und Sibel Öztürk im Offenbacher Hafen 2.
Die ca. acht Mal zwölf Meter große, schon bestehende Rigipswand, ist Ausgangspunkt der in situ geplanten und ausgeführten Arbeit von Martin Pfeifle.
Jede der Rigipstafeln wird diagonal geteilt und eine Hälfte schwarz gestrichen. Durch diese Aufteilung ergibt sich ein Rautenbild, welches die vorhandene Wand mit einbezieht und so dem Betrachter die skulpturalen Momente der Architektur vor Augen führt. Pfeifle lässt somit die Wand zu einer Skulptur werden. Das auf der linken Seite gleichmäßige Rautenmuster, löst sich im rechten Teil der Wand chaotisch, der Anordnung der Tafeln entsprechend auf.
Addiert wird diese Wandarbeit mit Fotografien von Christoph Westermeier. Der Thomas Ruff Schüler, stellt drei großformatige Handybilder aus, die das Thema Raum thematisieren. Im Gegensatz zu Pfeifle, wird sich hier dem Thema jedoch durch eine Einsicht genähert. Dem Betrachter wird die Möglichkeit gegeben, mit seinen Blicken den Raum zu betreten. Aufgrund der Ästhetik der Handykamera, ergibt sich eine brüchige Farbigkeit, die in krassem Gegensatz zu Pfeifles Schwarz/Weiß-Konstruktion steht.

hafenkuche02Photo: Pfeifle/Westermeier

 

Presse:

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„Das Auge des Sammlers“ von Anny und Sibel Öztürk

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Anny und Sibel Öztürk
Das Auge des Sammlers

Für ihre Ausstellung Das Auge des Sammlers schaffen Anny und Sibel Öztürk ein intimes Sammlerkabinett. Auf 11qm gestalten sie Tableaus, die eigene Raumeinheiten entstehen lassen. Bilder realer Sammlerhaushalte und bekannter Kunstwerke werden zur materiellen Grundlage für fiktive Szenarien genommen. Wie in einer filmischen Abfolge eröffnet sich dem Besucher auf kurzen räumlichen Distanzen ein Raum nach dem anderen. Denn so überschaubar das Raumangebot des Ausstellungsortes auch sein mag, so vielfältig sind die Eindrücke unterschiedlicher räumlicher Zusammenhänge, welche die Künstlerinnen hier entstehen lassen.

Sammler haben ein sehr eigenwilliges Verhältnis zu den Dingen, die sie zusammentragen, meist, um sich mit ihnen zu umgeben. Nach Walter Benjamin ist „die wahre, sehr verkannte Leidenschaft des Sammlers … immer anarchisch, destruktiv. Denn dies ist ihre Dialektik: Mit der Treue zum Ding, zum Einzelnen, bei ihm Geborgenen, den eigensinnigen subversiven Protest gegen das Typische, Klassifizierbare zu verbinden. Das Besitzverhältnis setzt völlig irrationale Akzente.“1

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In erster Linie bedeutet Sammeln sich Dinge anzueignen. Dabei geht der Zugriff auf den Gegenstand oder das Kunstwerk weit über den bloßen Erwerb, das Vom-Markt-Nehmen, hinaus. Ein Sammler stellt individuell geprägte Zusammenhänge her, denen er die Objekte seiner Begierde einfügt, sie unterordnet. Das einzelne Objekt steht nicht mehr für sich selbst, sondern ist immer auch Teil einer oder besser einer Vielzahl von Erzählungen, denen das Anliegen der Sammlung ein Leitmotiv verleiht.

„Der Besitz (ist) das allertiefste Verhältnis …, das man zu Dingen überhaupt haben kann“ Der Sammler eignet die Gegenstände seines Begehrens dem eignen Leben an macht sie zu einem Teil seiner Biographie. Sie werden für ihn zu einem Gegenstand der Selbst-Identifikation „er selber ist es, der in ihnen wohnt“.2 Diese Aneignung überformt den Blick auf den Gegenstand. Im Auge des Sammlers erscheint dieser daher stets im Filter der an ihn herangetragenen Bedeutung und biographischen Legendenbildung. Es ist dies eine „vollkommen phantasmagorische“ Form der Wahrnehmung, so wie sie Michel Leiris in seinem Essay „Das Auge des Ethnographen“ dem Durchschnittseuropäer, für dessen stets „durch seine weiße Mentalität“ gefilterte Sicht, auf außereuropäische Kultur attestiert.3

Anny und Sibel Öztürk machen diese überformende Aneignung der Bilder zum sichtbaren Anschauungsgegenstand und bestimmenden Thema ihrer Installationen. In diesem Projekt treten sie selbst als Sammlerinnen in Erscheinung. Ihre Bearbeitungen nehmen eigene Erzählzusammenhänge auf, um sie sogleich unmittelbar sichtbar, mit der bildlichen Syntax zu verweben – oder besser: zu verkleben. Schließlich bedienen sich die Künstlerinnen, neben verschiedenen Reproduktionstechniken, bevorzugt der Collage!

Picasso, Arp, Lichtenstein, Beuys, Polke, alles aus der einen Hand zweier Künstlerinnen, die in einem begehbaren Panorama, ihre Schätze und Kostbarkeiten ausbreiten und öffentlich zugänglich machen. Alles auf 11qm, in der Mommsenstrasse, in Berlin Charlottenburg.

Rafael von Uslar

1 Walter Benjamin, Lob der Puppe, in: Gesammelte Schriften, Band III, Hg. v. Hella Tiedemann-Bartels, Frankfurt a.M.,1991, S. 216.
2 Walter Benjamin, Ich packe meine Bibiliothek aus, in: Gesammelte Schriften Band IV-1, Hg. v. Tillman Rexroth, Frankfurt a.M.,1991, S. 396.
3 Michel Leiris, Das Auge des Ethnographen, in: Ethnologische Schriften Band 2, Hg. v. Hans-Jürgen Heinrichs, Frankfurt a.M., 1985, S. 34.

Say Say Say

SAY SAY SAY

Eine Lichtinstallation von Anny und Sibel Öztürk

Photo: Sandy Derl

Photo: Sandy Derl

Mach das Licht aus, wenn Du gehst steht in großen schwarzen Lettern auf weißem Grund eines Leuchtkastens, der die Form einer Sprechblase annimmt. Er ist Teil der Installation Say Say Say von Anny und Sibel Öztürk und damit einer von fünf Leuchtkästen unterschiedlicher Größe, die sich um eine Fensteröffnung an der Fassade des Rathauses von Offenbach gruppieren. Die Leuchtkästen als Sprechblasen führen eine Bildfigur des Comics aus der Zweidimensionalität des Printmediums, in die Dreidimensionalität der Skulptur.

Sprechblasen bilden Texte ab, die als eine Sichtbarmachung von Gesprochenem verstanden werden sollen. Und so werden die Leuchtkästen zu Abbildungsflächen von Gesprächsinhalten, die sich dank der auf die Fensteröffnungen ausgerichteten Hinweisstriche, mutmaßlichen Figuren zuordnen lassen. Diese bleiben jedoch von außen gesehen unsichtbar. Hier trifft die erwähnte Aufforderung auf Zitate von Prof. Moellendorf, Obi Wan Kenobi und eine universelle Exklamation. In Abwesenheit einer verbindenden Erzählung stellt sich die Frage, in welchem Zusammenhang die Texte der Blasen stehen. Allein, die dem Comic eigene Logik, dass das in einem Moment Gesprochene und im nächsten Moment Verklungene dauerhaft sichtbar zu lesen steht, schafft hier zumindest einen äußeren Zusammenhang der einzelnen Sprechakte.

Der Rest ist Schweigen. Dass sich diese Aussage bewahrheitet, wird unmittelbar anschaulich, da sonst wohl die gesamte Rathausfassade mit Sprechblasen überzogen wäre. Anders als für die Texte der Leuchtkästen, steht der Handlungsrahmen für das Shakespeare-Zitat zweifelsfrei fest. Mit dieser klugen Bemerkung beendet Hamlet bekanntlich mehr als nur seinen Dialog mit Horatio.

Mach das Licht aus, wenn du gehst – in Offenbach gilt das erst zum Ende der Luminale.

Rafael von Uslar

rathaus - Kopie

Länderboten

Länderboten

Imaginäres Parlament

Klingspormuseum Offenbach, 2013

80ba5214c3 - Kopie

Anny Öztürk, Sibel Öztürk, Heiner Blum

Offenbach ist die internationalste Stadt der Republik. Hier wohnen Menschen aus 156 Nationen. Insgesamt gibt es 193 anerkannte Staaten weltweit.

Mit dem Projekt Länderboten geben die Künstler Anny Öztürk, Sibel Öztürk und Heiner Blum einer Bürgerin oder einem Bürger jeder der hier vertretenen Nationen eine Stimme und schaffen somit ein imaginäres Parlament.

Die Grundlage dazu bilden Gespräche und Interviews, in denen Bürgerinnen und Bürger Statements und Utopien formulieren, die von den Künstlern in grafischer Form umgesetzt werden. Für die Zeit zwischen dem 3. Dezember 2013 und dem 2. März 2014 versammelt sich das Plenum der Botschaften und Bilder in einer Ausstellung im Offenbacher Klingspor-Museum. In Postergröße ausgedruckt, bedecken die Portraits und Grafiken die Innenwände des Museums und bilden so die vielgestaltige Stimme einer internationalen Stadt.

Es wurden bereits 111 Länderboten gefunden. Für die Dauer der Ausstellung wurden Boten aus den verbleibenden Ländern gesucht, die dann im Klingspor-Museum von den Künstlern interviewt und portraitiert wurden.

Länderboten ist ein Projekt zum Büchner-Jahr 2013 im Auftrag des Amts für Kulturmanagement der Stadt Offenbach.

 

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

Heimatkunde, Jüdisches Museum berlin, 2011

 

JMB_560_5305 - Kopie

Das Leben, das Universum und der ganze Rest
Eine Installation von Anny und Sibel Öztürk


Betritt man den lang gestreckten Raum des Jüdischen Museums so sieht man sich mit einer Phototapete konfrontiert, die sich bei näherem Hinsehen um die Darstellung von einem Ausblick auf etwas Galaktisches erweist.
Davor, wie abgestellt, locker an die Wand gelehnt befinden sich an Latten genagelte Pappschilder auf denen sich mit  Schrift farbig übermalte s/w Photokopien befinden. Diese Objekte erinnern an Schilder, wie sie bei Protesten und Demonstrationszügen zur schriftlichen Formulierung öffentlicher Meinungsbekenntnisse mitgeführt werden. In diesem Fall jedoch sind bekannte Sprüche zu hören, die sich als Gemeinplätze von Protestkultur  in der kollektiven Erinnerung der letzten 40, 50 Jahre erhalten haben. Sie erscheinen jedoch auf Photos, die zumeist wiederum Demonstrationen zeigen, zu den Sprüchen jedoch in keinem unmittelbarem , oder vielmehr einem ironisch konterkarierendem Zusammenhang stehen. Aber es hat mit der Verfügbarkeit von Bildern und Sprüchen zu tun, mit dem Hang auch in den politischen Gegenkonzepten , in dem Aufbegehren der Individuen immer das Vertraute, den Standard zu suchen, dass, was man als eine möglichst große Gemeinschaft dauerhaft miteinander teilen kann.

Auf der gegenüberliegenden Wand eröffnet eine s/w gehaltene Phototapete ein großes Zeitachsen Panorama, das vom Jahr 1989 zurück ins Jahr 1969 führt. Jedes Jahr wird mit einem Hauptmotiv markiert und durch eine Vielzahl kleinformatiger Bilder angereichert. Politik, Gesellschaft, Musik und Weltgeschehen. Vor diesem vielteiligen  Bilderpanorama erscheinen Gemälde und Zeichnungen der Künstlerinnen, die ihre eigene Geschichte als Familiengeschichte erzählen.

Das „Handschriftliche“ der Malerei und der Zeichnungen markieren das Private dieser Bilder ebenso, wie das im Einzelnen Dargestellte, was sich dem Betrachter in Unkenntnis der Untiefen Öztürkischer Familiengeschichte nicht als eine im Detail nachvollziehbare Geschichte erchließt. Es wird erkennbar als individuelles Familienepos, dem das Zeitgeschehen Hintergrundrauchen ist. Im Privaten sind es die kleinen, wenig spektakulären Ereignisse, die Geschichte schreiben und bestimmen. Und doch haben auch diese Bilder eine Wiedererkennbarkeit, weil Jeder vor dem Hintergrund der großen allgemeinen Geschichte seine eigene kleine Geschichte im privaten erlebt hat und die Öztürkschen Einlassungen jederzeit durch eigene Bilderinnerungen ersetzen könnte. Auch das Private und Individuelle ist Allgemeingut und gemeinsamer Erlebnishintergrund. Schließlich ist auch der Bilderteppich, der viel bekanntes Material aus dem kollektiven Bilderfundus herbeizitiert eine äußerst subjektive Angelegenheit. Ein jeder wird für die in Frage stehende Jahre eine Vielzahl anderer Bilder und Ereignisse vor den hier gezeigten den Vorrang geben und sie als fehlend ansehen.

Photos: Jens Ziehe

Photos: Jens Ziehe

Die Installation betont aber noch eine weitere Ebene. Die privaten Bilder handeln vom Herkommen aus der Türkei und einem Ankommen und Dasein in Deutschland, was wiederum ein eigenes Herkommen formuliert. Dem deutschen Betrachter wird vieles in den Familienbilder als das wohlvertraute Fremde erscheinen. Das Fremde, dass in dieses Land gehört und dessen Identität bestimmt. Aber es bleibt das „Andere“.

Die nackten Glühbirnen zitieren innerhalb der westlichen Kunst eine wichtige Darstellungsfloskel für das Archiv, das Archivarischen den Umgang mit Erinnerungsbildern als eine kleine Hommage an Christian Boltanski, den Meister dieser Themen. Aber für die Glühbirnen gibt es auch noch ein anderes bild, die Erinnerung an türkische Märkte auf denen eine Vielzahl solcher Birnen als Lichterketten in mitunter höchst poetischen Installationen das Treiben und Handeln erhellen. Ausserdem stehen sie für die 8 Planeten unserer Sonnensystems.

Die Bilder, wenn man sich auf ihre Herkunft als Erinnerungsinventar einläßt zeigen viele Bezugnahmen, mehr als ein Herkommen, mehr als eine signifikante Referenz Schließlich ist es der Zusammenklang von all diesen Bildern, von all diesen kulturellen Bezügen, die eine Geschichte, eine Kultur eines Landes ausmachen. Je mehr sich eine solche Kultur der Vielfalt ihrer Einflüsse bewußt erweist, je offener sich eine Kultur erweist, des so reicher, und interessanter ist sie. Ein Blick der sich auf Erwartungshaltungen konzentriert und nach der Bestätigung bestimmter Normen sucht, verkennt dieses Potential, beschränkt die Kultur auf ein Kümmerliches.

Rafael von Uslar

ab minute 1.30

am ende