Jolie Charité

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Jolie Charité (2007)

Auf einer Wand findet sich ein aus einzelnen Leuchtbuchstaben gebildeter Schriftzug. Daneben hängt links eine Zeichnung mit Textzusatz und rechts eine Reihe von Photographien. Vor der Wand, frei im Raum, befindet sich ein thekenartiges Möbel, auf dem Informationsmaterial zum Projekt „Jolie Charité“ ausliegt.
Jeder einzelne Buchstabe steht zusammen mit einer Zeichnung zum Verkauf. Mit dem Erwerb des Kunstwerkes geht die Übernahme einer einjährigen Patenschaft für ein Kind bei SOS-KInderdorf oder eine Projektpatenschaft bei Unicef einher. Photographien der im privaten Bereich der SammlerInnen installierten Buchstaben ergänzen die Installation.

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Jolie Charité besteht aus zwei Installationen, die unabhängig voneinander gezeigt werden. Einmal wird mit demSchriftzug aus farbigen Leuchtbuchstaben auf weißer Wand der Name der legendären amerikanischen Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Josephine Baker ausgeschrieben, und einmal der Name der amerikanischen Filmschauspielerin Angelina Jolie.

Jeder einzelne Buchstabe hat seine eigene Stromzufuhr und ein deutlich sichtbares längeres Kabel mit eigenem Stecker. Eine Vielzahl von Mehrfachsteckern
am Boden bündeln die Kabel und ermöglichen, dass der Namenszug an der Wand leuchtend erstrahlen kann.
Den mehrfarbig gestalteten Namenszug gibt es für zukünftige Fassungen dieser Installation in verschiedenen Farbfassungen. Im Raum befindet sich ein thekenartiges Möbel, das sich durch Schlichtheit und gestalterische Klarheit auszeichnet. Auf dieser Theke befinden sich von den Künstlerinnen gestaltete Informationsbroschüren,
die über das Projekt „Jolie Charité“ und sein Anliegen informieren, sowie Material der Organisationen UNICEF und SOS-Kinderdorf.
Neben Schriftzug und Theke hängt je eine Zeichnung, die motivisch und mit Text in das Projekt einführt. Daneben sind einige Photos an der Wand angebracht.

Die Zeichnung Jospehine Baker

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Die Zeichnung nimmt ein Photo zur Vorlage, auf dem Josephine Baker mit all ihren Kindern versammelt zu sehen ist. Gemeinsam pusten sie die Kerzen auf einer Geburtstagstorte aus, wer genau Geburtstag hat zu diesem Anlass ist nicht zu erkennen, denn alle Kinder gemeinsam sind Protagonisten dieses Anlasses. Die Zeichnung hat
den Textzusatz: Ich selbst kannte sie lange Zeit nur als „die Tänzerin mit dem gelben Bananenröckchen“.
Josephine Baker adoptierte 12 Kinder verschiedener Hautfarben und Ethnien, damit protestierte sie auf ihre Art gegen den Rassismus. Oh, jolie Charitè!
Josephine Baker starb 1975 nach einem sensationellen Come-Back. Im Jahr 1975 war Anny Öztürk fünf Jahre alt und Sibel Öztürk wurde geboren. Für die Künstlerinnen ergibt sich folgerichtig die ihrer Zeitgenossenschaft entsprechende Rezeption der Ereignisse, die eine Nachfolge vor dem Vorbild sichtbar werden lässt. Das heißt: Die im Hier und Jetzt agierende Angelina Jolie lenkt den Blick zurück auf ihr historisches Vorbild.

Die Zeichnung Angelina Jolie

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Das aquarellierte Blatt zeigt das amerikanische Schauspielerehepaar Brad Pitt und Angelina Jolie mit ihrer aus Äthopien stammenden Adoptivtocher Zahara und ihrem aus Kambodscha stammenden Adoptivsohn Maddox.
Die multikulturelle Familie hat sich in ihrer Küche und um eine frei im Raum installierte Spüle versammelt. Vor dem Paar steht ein Teller mit Obst, von denen Pitt isst. Jolie hält den Mund geöffnet, wie um zu einem breiten Lächeln oder einem Lachen anzusetzen. Der momenthafte Eindruck der Szenerie verstärkt den Charakter des Privaten. Zugleich jedoch wirken die Haltungen der Dargestellten wie Posen, was die Situation eher als Teil einer
offiziellen „Home-Story“ erscheinen lässt. Hinter der Familie gibt eine offene Tür den Blick auf einen Flur und weitere Zimmer frei. Links neben den Personen hängt an der Wand ein mit einem frei über die Wand geführten schwarzen Kabel, als Leuchtmittel gekennzeichnetes rotes Objekt in der Form eines accent agui. Unter der Zeichnung findet sich ein Textzusatz:
„Mir gefällt die Idee, das accent aigu von der Berliner Charité zu entwenden. Ich würde es Angelina Jolie schenken. Sie soll es in ihre Küche hängen und als Wandleuchte nutzen, wenn sie mit ihrer bunt gewürfelten Familie Zuhause kocht. Das accent aigu sollte so zu ihrem Leben gehören, wie ein weiteres adoptiertes Kind etwa.“

Das Projekt
Die einzelnen Buchstaben des Schriftzuges der Installation stehen zum Verkauf. Jeder erworbene Buchstabe wird mit einer Zeichnung begleitet, einem Original in Serie, die mit der in der Installation gezeigten Zeichnung identisch ist. Zusammen mit dem Leuchtbuchstaben und der Zeichnung wird „automatisch“ eine im Verkaufspreis
inbegriffene einjährige SOS-Kinderdorf für ein Kind oder eine Unicef Projektpatenschaft übernommen.
Die geneigten SammlerInnen sind aufgefordert, die erworbenen Buchstaben zusammen mit der Zeichnung im eigenen Heim zu installieren und den Leuchtbuchstaben als Lampe zu benutzen. Dabei wäre es wünschenswert, würden die Leuchtkörper im Bereich des alltäglichen Umfelds platziert und aufgenommen.

Die Photographien

Die solchermassen im privaten Umfeld integrierten Buchstabenlampen werden, bevorzugtermassen mit den ins Bild gerückten SammlerInnen, von den Künstlerinnen dokumentiert. Diese Photos werden zu einem Bestandteil der Installation im Museum.

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Die solchermassen im privaten Umfeld integrierten Buchstabenlampen werden, bevorzugtermassen mit den ins Bild gerückten SammlerInnen, von den Künstlerinnen dokumentiert. Diese Photos werden zu einem Bestandteil der Installation im Museum.

Jospehine Baker und Angelina Jolie

Die legendäre amerikanische Künstlerin Josephine Baker war eine der bedeutendsten Entertainerinnen ihrer Zeit.
Sie war eine Vorreiterin im Kampf gegen Rassentrennung und Rassismus, Mitglied der Restistance und sprach als einzige Frau bei Martin Luther Kings Marsch auf Washington. Für ihr politisches Engagement wurde sie mit zwei der höchsten politischen Auszeichnungen Frankreichs geehrt, dem Croix de Guerre und der Mitgliedschaft in
der Légion d`Honneur. Seit 1950 startete sie ihr eigenes, privates „Experiment der Brüderlichkeit“, indem sie eine Familie gründete und seit 1950 12 Kinder unterschiedlicher nationaler, ethnischer und religiöser Herkunft adoptierte. Diese Familie bezeichnete sie als „The Rainbow tribe“ und verstand ihr Familienleben als ein wegweisendes politisches, kulturelles und soziales Vorbild.
Diesem großen und überaus beeindruckenden Vorbild folgt die amerikanische Filmschauspielerin Angelina Jolie seit einigen Jahren mit dem Konzept, über Adoptionen eine große multikulturelle Familie aufzubauen. Seit ihrer Ehe mit Brad Pitt wird diese Familie auch um eigene Kinder ergänzt. Auch Jolie spricht so folgerichtig von ihrer
„Regenbogenfamilie“. Angelina Jolie und Bratt Pitt stellen ihre große internationale Bekanntheit und Popularität in den Dienst internationaler politischer und sozialer Arbeit. Angelina Jolie ist seit 2001 „Botschafterin der guten Hoffnung“ des United Nations High Commissioner for Refugees; eine Aufgabe, die sie mit großem Engagement wahrnimmt und für die sie 2005 mit dem „Global Humanitarian Action Award“ ausgezeichnet wurde. Jolie ist außerdem Unicef-Botschafterin. Gemeinsam mit ihrem Mann unterstützt sie zahlreiche internationale Hilfsprojekte und globale Interessengruppen.
Beide Frauen eint der Wille, außerhalb des öffentlichen Engagements für ihre politischen und sozialen Überzeugungen auch das Familienleben als eine Frage des politischen und sozialen Engagements dann dochbedingt öffentlich und multikulturell mit klarer politischer Signalwirkung zu gestalten.

„Jolie Charité“

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Die Installation nimmt das vorbildliche Beispiel sozialen Handelns der beiden Frauen Josephine Baker und Angelina Jolie symbolisch auf und verpflichtet spielerisch und mit Humor die Sammler/innen zu einer Teilnahme.
Im Zusammenspiel mit der über das Kunstwerk im Projekt vermittelten Patenschaft geht es hier um mehr als um den Erwerb einer weiteren künstlerischen Arbeit. Ein Erwerb bedeutet eine Teilnahme an dem Projekt „Jolie Charité“. Es wäre wünschenswert, würden die Sammler/innen vor diesem Hintergrund ein Leben mit den Leuchtbuchstaben gleichsam als „Adoption“ des Objektes in die eigenen Lebenszusammenhänge begreifen.
So legt das Projekt „Jolie Charité“ eine Nachahmung des leuchtenden Beispiels von Josephine Baker und Angelina Jolie nahe, auch wenn die Sammler/innen im Gegensatz zu diesen beiden Frauen in ihrem Zuhause nicht ein Kind, sondern vielmehr eine Lampe aufnehmen. Diesen Lampen jedoch ist ein in jeder Hinsicht erhellendes Wirken zu wünschen!

Rafael von Uslar
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Behind the Wheel

Behind the Wheel

Cetinje Biennale, 2003

 

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The Öztürks are very precise about their travels and the distances they have covered. In their Behind the Wheel (2004) is an installation of 16 images on various sorts of paper, 4 maps, a text piece, completed with a sound-track and a used automobile. All images are gouaches of moments in a journey, each in the same casually charming style, between a travel brochure and a children’s book . Beneath all of them are hand-written texts that do and don’t make some sense of them. A white car waiting to loaded with four gouache suitcases, three in each of the primary colours and one in a dirty brown, clearly displays its registration number, and the writing of this number shares a hand with the narrative script beneath. This in turn refers both to the first image, ‘Die koffer waren gepackt’, and perhaps also to the one on brown paper immediately below, ‘die strassen noch nicht so voll…’; and perhaps to the almost empty road in the painting to its right, below which in turn the script tells us that the Croatian landscape is beautiful and looks like Austria. But here, back in the lower left, the luggage seems to reappear as a little abstract motif on the roof rack of a quite different vehicle, a large white people-carrier that forms a formal composition with a passing red car. And again, to the right, the white car is back in the fourth gouache with two figures sitting on a bench where it is parked, captioned by a paragraph that tells nothing of the image. There is no ‘Turkish flag fluttering in the wind…’

This sheet belongs in a larger installation, and as we attend to it we discover a logic of dissociation, a migration of words and colours between the parts of an illusion. This is the same time both a dispersal and a gathering of the ways of making marks, inscribing word as if it were only image, of installing or of hearing that have all become the substance of our being-contemporary in the practices of art. There is no one story in the end, just things to say and things to see, that go back to a journey which is both a fiction and not a fiction: for the images and their makers have come here before us, but what they have brought are incommensurable fragments from making art and living life as they have made and lived. In their journey maps as well then, as in their tiny stories of moments in a street, a mother or a grandparent, they assemble the morsels of real space of travel, of an incident literally remembered, but cluster them together only to embed them in the making of the work, so that the emotional or visual charge of each element is inseparable from artists’ materials and abstracted vision. They constellate a thinking, a seeing and a feeling of inside and outside, a map of boundary and edge, of here and there, that always returns us to the mark, the fabrication, the work and the body of the viewer; and so to their own uncanny presence in space, on paper, in light, in smell and sound.

Anny and Sibel Öztürk discover these multiple figurations of spaces and of times perhaps only for us to lose our track of them as we find our way into and through their work. At some moment of our perception of the stories that they tell, unforeseeable a sound, a text, a texture, a breeze, a written phrase distracts and its beauty, its sensuality or its enigma blur any literal response. In this being-not quitepresent to us, the artists offer us something like this: not just the haunting of an Other, but a renewal of our own haunting otherness to ourselves. And, as Julia Kristeva has argued, might not this be enough of a universal for us, as we are? or for Europe now; a gift of self-estrangement and of recognition.

Adrian Rifkin

 

A better World lies in front of me (gecekondu)

A better world lies in front of me (gecekondu)

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Eine Bretterbude. Komplett mit Tür, Fenstern, Blechdach, Blumen vor der Tür, Gardinen und Fußmatte. Ein Fenster gibt den Blick frei auf ein Interieur mit Sessel, Tisch mit Spitzendecke unter Fernseher und einer Lagerstatt aus Kissen und Decken. Die Tür ist verschlossen, das Innere des Raumes verwaist, aber der Fernseher ist in Betrieb. Der Bau, eine patchwork Konstruktion aus zum größten Teil recycelten Materialien, denen man entweder aufgrund von Verbrauchs- und Farbspuren eine frühere Verwendung ansieht oder die deshalb auffällig werden, weil sie in fremdem Gebrauchszusammenhang erscheinen. Die Eingangstür zum Beispiel, ist eine alte hochpolierte Schlafzimmerschranktür mit Spuren floraler Schmuckapplikationen. Die Möbel haben Sperrmüllqualität und die Blumenkübel sind aufgeschnittene Konservendosen.

Das wichtigste aber ist passiert, bevor dieser Anblick geboten wird. Als Familienunternehmen bauen Anny und Sibel Öztürk die Bude mit Unterstützung ihrer Männer auf. Unter Zeitdruck, denn der Bau gehört zur Gattung der Gecekondu, eine türkische Spezialität. Gecekondu bedeutet: „über Nacht gebaut“ und bezeichnet laut juristischer Definition: „eine Hütte, ohne Genehmigung auf dem Land eines anderen Eigentümers erbaut“.i Hat eine solche Hütte binnen 24 Stunden ein Dach über dem Kopf zu bieten und wird bewohnt, so kann sie ohne richterlichen Beschluss nicht abgerissen werden. Der Film, der über den Bildschirm flimmert erzählt die Geschichte eines solchen Aufbaus und beschreibt das Familienglück, das sich darin finden lässt.ii

A better world lies in front of me“, so der Titel der Installation, zeigt ein türkisches Gecekondu in Deutschland. Der Verweis auf den Erfolg einer anderen kulturellen Praxis, kann als kreativer Impuls im Austausch zweier Kulturen fungieren. Im Ausstellungsraum wird das Gecekondu so zum Musterhaus. Im Kontext der vielen bedeutenden Bretterbuden und ambulanten Bauten der neueren Kunstgeschichte ist es eindeutig jenen Schauobjekten zuzuordnen, die ihre inhaltliche Ebene als Modell illustrieren. Den Realismus der Szene seines Aufbaus inbegriffen, verweist es auf jenes türkische Prinzip von Selbstversorgung und Eigeninitiative, das nicht nur individuelle Existenzen sichern konnte, sondern auch einen wichtigen Beitrag zum Aufbau der heimischen Wirtschaft geleistet hat.

Eine solche Strategie, die Selbsthilfe, Kreativität und Flexibilität mit „informeller“ Legalität verbindet, ist als gesellschaftliches Konzept aus deutscher Sicht ebenso ein Graus und gänzlich Vorbild-untauglich, wie die katastrophisch erscheinende wilde Stadtentwicklung Istanbuls. Schließlich würde selbst unser Vorzeige-Gecekondu nicht einmal dem Regelwerk eines deutschen Kleingartenvereins genügen!

Und doch: eines der international renommiertesten europäischen Architekturbüros hat für die Erneuerung des Wirtschaftsraumes „Ruhrgebiet“ den Vorschlag zur Schaffung einer Freihandelszone gemacht. Es entstünde ein Raum, in dem eine Vielzahl von Vorschriften und Gesetzen außer Kraft gesetzt würden, mit dem Ziel, unorthodoxes kreatives Handeln und Wirtschaften zu fördern.iii

Der ambulante Hausbau auf Zeit ironisiert aber auch sinnbildlich die Position der nach Deutschland emigrierten Türken und ihrer im Land geborenen Nachkommen. In einer Kultur, deren Sprachgebrauch für sie keine anderen Namen kennt als einen Begriff mit dem sie immer wieder des Landes verwiesen werden, bedarf es solcher symbolischer Landnahme für die Besetzung eigenständiger Positionen. So bauen Anny und Sibel Öztürk ihre Buden und zeigen, was ein Gecekondu ist. München, Weimar Karlsruhe, zügig besetzten sie zunächst den deutschen Ausstellungsraum, denn: „Türken können vielleicht nichts perfekt, aber sie können alles.“iv

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Rafael von Uslar

i zitiert nach: Gerhard Fehl, „Informelle Produktion“ von Wohnung und Stadt: Gecekondus in Istanbul, in: Die Alte Stadt. Zeitschrift für Stadtgeschichte, Stadtsoziologie und Denkmalpflege, Nr. 27, 2000, S.163.

ii „Bir Avuc Cennet“

iii Hierbei handelt es sich um ein unveröffentlichtes Arbeitspapier.

iv Anny Öztürk im Gespräch mit dem Autor.

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Eine Installation für einen Außen- oder einen Innenraum

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Die Installation besteht aus einem 4-5 Meter hohem Mast. In seinem oberen Drittel ist dieser Mast, aus grob behauenem, imprägniertem Holz, mit hölzernen Verstrebungen versehen. Diese weisen in leicht diagonaler Anlage in verschiedene Himmelsrichtungen und dienen der Befestigung von unterschiedlich farbigen Elektroluminiszenzkablen, mit denen bei einer Innenrauminstallation unterschiedliche Punkte an den Wänden eines Raumes oder bei einer Außenaufstellung über einen Platz oder über den Straßenraum hinweg verschiedene Gebäude, oder aber auch einzelne Laternenmasten miteinander verbunden werden.

Die Skulptur erinnert an hölzerne Strommasten, wie sie in der frühen Technikgeschichte städtischer Elektrifizierung und Telekommunikation das Bild von öffentlichem Raum wesentlich geprägt haben. In seiner spezifischen Gestaltung jedoch nimmt die Skulptur deutlich jene eher ländliche Mastengestaltungen zum Vorbild, denen stets der Eindruck des sowohl flüchtig als auch unbeholfen Selbstzusammengezimmerten anhaftet. In dieser scheinbar provisorischen Gestaltung und der Anspielung auf einen technischen Anachronismus bildet die Skulptur einen ironischen Kontrast zum modernen urbanen Raum aus.

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Dabei fungiert sie Skulptur zuerst einmal als ein lyrisch anmutendes Zeichen, das eine dynamische Vernetzung innerhalb eines Raumes, oder außen von umliegenden Gebäuden und Objekten mit Licht und Farbe herstellt. Mit der zweck-ungebundenen Gestalt leuchtender Kabel verbindet sich über die Gestalt des Mastes eine Vorstellung von Vernetzung mit Energie und Möglichkeiten der Telekommunikation. Und in der Tat lassen sich über die Leuchtstoffkabel in einem optisch erfassbaren Morseverfahren kodierte Nachrichten übermitteln. Hier verbindet sich das Bild städtischer Moderne und modernster Technologie mit einem Zeichen für technischen Anachronismus. Darin verweist die Skulptur zum einen in die Vergangenheit, in der Vernetzungen und Verbindungen anschaulich den öffentlichen Raum strukturierten und weißt damit ex negativo auf die scheinbar gänzlich unsichtbar gewordene wenngleich viel umfassendere Form moderner Energie- und Kommunikationsversorgung hin.

Vor allem aber weißt das Bild des technischen Anachronismus auf Verhältnisse und Gegebenheiten hin, wie sie zeitgleich zu dieser den Platz charakterisierenden Moderne eine bestimmende Realität in anderen Teilen Europas darstellen. Ein Europa, das nicht nur auf vergleichsweise engem Raum in unterschiedlichen Verhältnissen koexistiert, sondern in zunehmendem Maße sich verbindet und politisch und ökonomisch zu einer Einheit zusammenwächst.

Diesem Kontrast, dieser Spannung verschiedener Verhältnisse in Koexistenz und Zusammengehörigkeit, verleiht der „Strommast“ eine heiter ironische Lichtgestalt.

Rafael von Uslar

Temporary Imperfect Incomplete

Abfall und Zufall

Anny und Sibel Öztürk: temporary imperfect incomplete in der Galerie Perpetuel

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Anny und Sibel Öztürks temporary imperfect incomplete präsentiert sich als ein Raum, gefüllt mit seltsamen Zwitterwesen aus Möbeln, farbig bemalten Kartons und Hochglanzreklamen, die sich als Architekturmodelle der anderen Art erweisen. Als Ensemble bilden diese eine quasi urbane Bemöbelung des Galerieraumes aus.

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Künstlerische Modellbauprojekte gibt es viele: Von den Architekturutopien in den sechziger Jahren über die Romantik der „Spurensicherung“ und die weitläufigen gebastelten Pathosübungen der achtziger Jahre bis hin zur Wiederentdeckung sozialkritischer und sozialutopischer Untersuchungen im aktuellen Globalisierungslook. temporary imperfect incomplete reiht sich in eine Geschichte der im Namen der Kunst gebastelten Modellarchitekturen ein, knüpft aber auch an eigene Projekte der Künstlerinnen an. So installieren Anny und Sibel seit 2003 selbstgezimmerte Architekturinstallationen nach dem Vorbild eines Gecekondu für verschiedene Ausstellungsräume. Ein Gecekondu ist eine türkische Spezialität und bedeutet: „über Nacht gebaut“ und bezeichnet laut juristischer Definition: „eine Hütte, ohne Genehmigung auf dem Land eines anderen Eigentümers erbaut“. Hat eine solche Hütte binnen 24 Stunden ein Dach über dem Kopf zu bieten und wird bewohnt, so kann sie ohne richterlichen Beschluss nicht abgerissen werden – nicht einmal im Ausstellungsraum!

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2007 reisten Anny und Sibel Öztürk zur Vorbereitung einer Ausstellungsbeteiligung nach Medellin/Kolumbien. Dort beeindruckten sie die Favelas als wahre Gecekondustädte. Einige der dort gemachten Beobachtungen haben Einfluss auf temporary imperfect incomplete genommen und verdienen insofern hier ihre Erwähnung. Da sind zum einen die übergroßformatigen Reklametafeln zu nennen, die das Erscheinungsbild so vieler Elendsviertel in Nord- und Südamerika bestimmen. Inmitten all des Elends, in das sie gepflanzt wurden, wirken die Hochglanzwerbungen für Luxusprodukte auf Außenstehende wie ein größtmöglicher Zynismus. Und doch scheinen sie als glaubhafte Darstellungen wichtiger Versprechen eine Funktion zu erfüllen. In Medellin haben die Behörden alternativen Lebensraum zur alternativen Stadtgestaltung geschaffen: Hochhäuser mit schönen ordentlichen Sozialwohnungen, in die FavelabewohnerInnen umsiedeln sollten. Leider hatte keiner der Stadtplaner bedacht, dass die meisten Familien Tiere halten die ihnen zum Lebensunterhalt unverzichtbare Dienste leisten. Und da weder Pferde, Esel oder sonstige Nutztiere das Leben in Etagenwohnungen höherer Stockwerke zu schätzen wissen, waren die Hochhäuser kein Favelaersatz. Als verblüffende Lichtblicke im engen Verband gering-geschossiger Favelabauten fielen Anny und Sibel einzelne Gebäude auf, die in ihrer Gestaltung ein klares Bekenntnis zur klassischen internationalen Moderne demonstrierten. Moderne geht immer!

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Soviel zum Anekdotischen. Die Favelas von Medillin bilden einen Anregungsausgangspunkt für temporary imperfect incomplete, Thema sind sie nicht. Von Frankfurt aus gesehen sind Favelas ein anderer Ort, ein fremder, vor allem aber ein Ort der Bilder. Man kann die Realitäten, die solche Bilder hervorbringen, mit dem Impetus sozialer Anteilnahme für eigene Darstellungen vermeintlich engagiert, aber in der Sache kenntnislos für sich vereinnahmen. Das bedeutet Anmaßung und endet bestenfalls im Sozialkitsch. Man kann jedoch auch die Bilder als eben das ernst nehmen, was sie sind. Sie zeigen außer sozialen und politischen Zuständen, die kritikwürdig sind, Architekturensemble von höchst eigener Dynamik und Ästhetik.

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Zu sehen ist in temporary imperfect incomplete der freizügige Umgang mit zahlreichen, dem Abbildungsgegenstand unangemessenen Materialien. Architekturmodelle haben eine bessere Provenienz verdient als Sperrmüll, Müslikartons und Ikeaordner! Und eben hier beginnt ein unterhaltsames Spiel. Es handelt von freien Assoziationen und einer Übersetzungsleistung im Anschauungsprozess. So wird zunächst das andere Material sichtbar: Das Möbel, der bemalte Karton, der Klebestreifen und der kreative Zufall. Dies wird übersetzt in das Gemeinte: Vertraute oder denkbare architektonische oder architekturnahe Formen. Damit lässt sich schließlich ein urbanes Ensemble assoziieren aus dem, was aber immer zugleich auch Sperrmüll, Werbung und Kartonage bleibt und darin auch gar nicht übersehen werden soll. Denn in diesem ereignisreichem Zusammenspiel von Abfall und Zufall wird etwas gezeigt, das in dem Freiraum zwischen Assoziation und Übersetzung angesiedelt ist. Das Gezeigte ist das Spiel, die Kreativität im Umgang mit Materialien zum Zweck poetischer Bildfindungen.

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Und weil die Kunst der „Spielfall“ ist, bietet ihre Poesie Raum für subversive Differenz und so handelt temporary imperfect incomplete dann dochvon Favelas und sozialer und politischer Ungleichheit, aber eben so wie Robert Fillious 7 Childlike Uses of Warlike Material vom Krieg handelt.

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Rafael von Uslar

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Eine Installation für einen Außen- oder einen Innenraum

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Die Installation besteht aus einem 4-5 Meter hohem Mast. In seinem oberen Drittel ist dieser Mast, aus grob behauenem, imprägniertem Holz, mit hölzernen Verstrebungen versehen. Diese weisen in leicht diagonaler Anlage in verschiedene Himmelsrichtungen und dienen der Befestigung von unterschiedlich farbigen Elektroluminiszenzkablen, mit denen bei einer Innenrauminstallation unterschiedliche Punkte an den Wänden eines Raumes oder bei einer Außenaufstellung über einen Platz oder über den Straßenraum hinweg verschiedene Gebäude, oder aber auch einzelne Laternenmasten miteinander verbunden werden.

Die Skulptur erinnert an hölzerne Strommasten, wie sie in der frühen Technikgeschichte städtischer Elektrifizierung und Telekommunikation das Bild von öffentlichem Raum wesentlich geprägt haben. In seiner spezifischen Gestaltung jedoch nimmt die Skulptur deutlich jene eher ländliche Mastengestaltungen zum Vorbild, denen stets der Eindruck des sowohl flüchtig als auch unbeholfen Selbstzusammengezimmerten anhaftet. In dieser scheinbar provisorischen Gestaltung und der Anspielung auf einen technischen Anachronismus bildet die Skulptur einen ironischen Kontrast zum modernen urbanen Raum aus.


Dabei fungiert sie Skulptur zuerst einmal als ein lyrisch anmutendes Zeichen, das eine dynamische Vernetzung innerhalb eines Raumes, oder außen von umliegenden Gebäuden und Objekten mit Licht und Farbe herstellt. Mit der zweck-ungebundenen Gestalt leuchtender Kabel verbindet sich über die Gestalt des Mastes eine Vorstellung von Vernetzung mit Energie und Möglichkeiten der Telekommunikation. Und in der Tat lassen sich über die Leuchtstoffkabel in einem optisch erfassbaren Morseverfahren kodierte Nachrichten übermitteln. Hier verbindet sich das Bild städtischer Moderne und modernster Technologie mit einem Zeichen für technischen Anachronismus. Darin verweist die Skulptur zum einen in die Vergangenheit, in der Vernetzungen und Verbindungen anschaulich den öffentlichen Raum strukturierten und weißt damit ex negativo auf die scheinbar gänzlich unsichtbar gewordene wenngleich viel umfassendere Form moderner Energie- und Kommunikationsversorgung hin.

Vor allem aber weißt das Bild des technischen Anachronismus auf Verhältnisse und Gegebenheiten hin, wie sie zeitgleich zu dieser den Platz charakterisierenden Moderne eine bestimmende Realität in anderen Teilen Europas darstellen. Ein Europa, das nicht nur auf vergleichsweise engem Raum in unterschiedlichen Verhältnissen koexistiert, sondern in zunehmendem Maße sich verbindet und politisch und ökonomisch zu einer Einheit zusammenwächst.

Diesem Kontrast, dieser Spannung verschiedener Verhältnisse in Koexistenz und Zusammengehörigkeit, verleiht der „Strommast“ eine heiter ironische Lichtgestalt.

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