From inner to outer shadows (On the road from somewhere)

From inner to outer shadows

Multi-Media-Installation, Schader Stiftung, Darmstadt

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Alle Photos: Wolfgang Fuhrmanek

Alle Photos: Wolfgang Fuhrmanek

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Vorspann: Eine Erinnerungserzählung


In der Ausstellung „from inner to outer shadow“, die zum Titel eine Zeile aus dem Libretto „Neither“ von Samuel Beckett für Morton Feldmans gleichnamige Oper nimmt, zeigen Anny und Sibel Öztürk zwei neue Installationen. „On the road from somewhere“ und „Mashrabiya“ nehmen Kindheitserinnerungen an das Haus der Großmutter zum Ausgangspunkt, welche als Einführung im ersten Raum der Ausstellung in Form einer Erzählung vorgestellt werden. Die Rede ist von abendlichen Schatten unter einem großen Fenster, beobachtet von einem Diwan aus.
Es ist der Moment der blauen Stunde, die Beruhigung des vornächtlichen Istanbul. Im Zentrum des Hauses befand sich ein Wohnraum, der an seiner Vorder- wie seiner Hinterwand durch große, die Wandbreite einnehmende Fenster charakterisiert war. Hier befand sich auch eine den gesamten Raum durchwachsende Pflanze des Großvaters. Ein ausuferndes Exemplar einer Monstera Deliciosa (Fensterblatt), der ganze Stolz des alten Mannes. Diese bestimmt nicht nur wesentlich die Schattenbilder des Raumes, sie ist auch die herausgeforderte Heldin einer Legende zu einem großen Liebesbeweis. Innerhalb der Familie wird erzählt, dass eine bald achtmonatige Anny, in einem Armlehnstuhl sitzend, eben diese Pflanze mit großer Zielstrebigkeit und
Beharrlichkeit zerpflückt. Der Großvater verharrt beobachtend daneben und lässt das Kind gewähren. Welche langfristigen Konsequenzen diese großväterliche Priorisierung der Kinderliebe über die Pflanzenliebe für die deliciose Monstera hatte ist nicht überliefert.

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Hauptfilm: Das große Fenster


Die Erinnerung an abendliche Fenster- und Pflanzenschatten bildet das Herzstück der Installation von „On the road from somewhere“. In der linken Ecke des Hauptraums der Ausstellung steht über Eck ein silberfarbenes Holzgitter von 5 x 5 Feldern. Dahinter befindet sich ein Scheinwerfer, rechts und links Holztafeln, die ein seitliches Verströmen des Lichtes verhindern. Vor dem Gitter steht eine flache Holzkonstruktion, die scherenschnitthaft eine große Monstera Deliciosa abbildet. Das Licht der Schweinwerfer erfasst Gitter und Pflanzenabbildung und wirft deren langen Schatten auf den Boden des Ausstellungsraumes und auf einen Teil der gegenüberliegenden Wand.
Dieser Aufbau ist kein eigentlicher Anschauungsgegenstand, sondern Projektionshilfsmittel. Das, was zu sehen ist, spielt sich als Schattenspiel auf der gegenüberliegenden Wand ab.
Auf dem Boden liegt ein Perserteppich, vor der Wand entlang stehen Möbelstücke. Auf der Wand befindet sich eine Wandbespannung, davor hängt eine Reihe von Gemälden, die Interieurdarstellungen zeigen. Die meisten Objekte stammen aus der Sammlung des Hessischen Landesmuseums.

Schatten sind immateriell und temporär okkupatorisch. Sie vereinnahmen die Dinge und belegen sie sichtbar mit dunklem Beschlag. So werden die aus der Sammlung gezeigten Objekte hier zuallererst einmal zu Schattenfängern. In einem zweiten Schritt helfen sie den Ort, der von der vorangestellten Erzählung eingeführt und von der Projektion evoziert wird, möblierend zu komplettieren. Alles dient hier erst einmal dem einen Bild: Hier entsteht ein Anklang an das verlorene großmütterliche Haus mit den Mitteln musealer Sammlungsstücke in der Rolle kulissenhafter Stellvertretergegenstände. Darüber hinaus findet sich in dem allen Interieurdarstellungen gemeinen Blick auf Wand und Fenster ein mehrfaches Echo auf das zweite, gegenüberliegende große Fenster des großmütterlichen Wohnraumes.
Dies ist eine Momentaufnahme, die einen Ort aus geographischer und zeitlicher Entfernung heraus auf den Fährten eines Schattens in eine räumliche Gegenwart herbeizitiert. Richtet man jedoch den Blick auf die Bilder und die von ihnen gezeigten Raumsituationen, dann trifft hier das Okkupatorische der Schatten auf das Prekäre westlicher Innenraumdarstellungen. Interieurs zeigen Räume als in sich geschlossen zu denkende Raumfragmente. Aufgebaut wie ein Guckkasten, bildet die Bildoberfläche eine den Raum abschließende virtuelle Wand. Diese jedoch, sichtbar offen, erweist sich auch als das Einfallstor für Besetzungen ganz anderer Art.
Der Schatten der Projektion fällt nicht allein auf die an der Wand befindlichen Bilder als bloße Gegenstände, er fällt auch in sie ein. Standen die Türken vor Wien noch außerhalb der Stadt, so besetzt bei Moritz von Schwind der Schatten einer Istanbuler Topfpflanze die wohlaufgeräumte Schlafstube ganz unmittelbar und gnadenlos.
Weil all diese Bilder bereits von Licht und Schatten handeln, nehmen sie somit den sie treffenden Projektionsschatten als einen weiteren in sich auf. Eine solche parasitäre Schattengestalt allerdings wirft unweigerlich die Frage nach ihrem innerbildlichen Herkommen auf, denn ein Bildraum versteht sich, aller tatsächlichen fragmentarischen Offenheit zum Trotz, immer auch als ein Kontinuum. Den vom Schatten erfassten Raumdarstellungen ist schließlich gemeinsam, dass Fensterschatten und des Großvaters Monstera Deliciosa invasiven Eingang in sie finden. So tritt türkische Abenderinnerungsromantik in deutsche Empfindsamkeit ein.
An einer Stelle schließlich, treffen sich Schattenprojektion und musealer Schattenfänger im Einvernehmen technisch-historischer Verbundenheit: Im Wandbehang findet schattengraphisch seine Abbildung, was William Henry Talbot mit seinen „Lichtselbstdrucken“ als Beitrag zur Geschichte der Photographie beisteuerte. So, wie die Stoffe über viele jahrzehntelange Belichtungsprozesse Abbildungen von dem auf sich tragen, was sich auf ihnen
befunden hat, zeigen sie ganz große Skiagraphie und beantworten so den Schattenbewurf der Installation mit der Gelassenheit der Altvorderen.
„On the road from somewhere“ bezeichnet einen Ort, bezeichnet Menschen und bezeichnet eine Zeit. Identifizierbar wird all dies vor allem durch die im „Vorspann“ vorgetragene Erzählung. Die Projektionsinstallation kann man als deren Abbildung begreifen. Klammert man jedoch diese Erzählung aus und konzentriert sich auf das, was zu sehen ist, dann entsteht ein kompliziertes, und anspruchsvolleres Bild als das einer bloßen Erinnerungsillustration.

Im Bau ihres Hauses sah sich die Großmutter einer Moderne verpflichtet, die in der urbanen Architektur Istanbuls seit den dreißiger Jahren eine bedeutende Rolle spielte und sorgte somit nicht zuletzt über die rezeptive Einheit ihrer Familienbande für den viel längeren und nachhaltigeren Schatten ihres Fensters. Dieser verliert jedoch eben damit zugleich jede Eindeutigkeit örtlicher und zeitlicher Bestimmbarkeit. Was stattdessen sichtbar wird, ist ein vielschichtiges kulturelles Prinzip.
Die breit angelegte vielfächrige Form des wandeinnehmenden Atelierfensters mit Metallrahmen schafft als ein Versatzstück europäischer, urbaner Moderne Anklänge ans Bauhaus und weit darüber hinaus. Noch das ganz große Fenster in Adolf Hitlers Bergresidenz auf dem Obersalzberg gehorcht eben dieser Form, wie Heinrich Hoffmanns berühmtes Photo „Ausblick auf den Untersberg von der großen Halle“ belegt. Anders, als im Haus der
Großmutter in Istanbul jedoch, wo die Schatten als durch den gesamten Raum vagabundierend erinnert werden, bleibt im Haus des großen Okkupators selbst der Schatten des grandiosesten Bergpanoramas noch artig auf dem Beistelltisch.
In seiner Videoinstallation „Das große Fenster“ evoziert Marcel Odenbach eben dieses monumentale Panoramafenster als ein schwarzes Raster, mit dem er den heutigen Ausblick auf die gegenüberliegenden Berge belegt. Odenbachs Raster und das Öztürksche Gitter ähneln sich nicht nur in ihrer Form, sondern auch in ihrem Auftritt als optische Apparate. Und eben darin haben sie ebenso wie die von ihnen abgebildeten Fenstermodelle, ein prominentes historisches Vor-Bild: die Dürersche Zeichenhilfe.
In seiner Proportionslehre von 1528 zeigt Dürer die Illustration vom „Zeichner des liegenden Weibes“. Letzteres liegt drall, nackt sich räkelnd auf Kissen gebettet auf einem Tisch vor dem Zeichner, von diesem durch einen Rahmen mit eingezogenem Gitterraster getrennt. Dessen Doppel liegt als vor- bezeichnetes Blatt vor dem Mann, der ein Peilholz zur Bestimmung des Fluchtpunktes an sein Auge hält. Dieser Rahmen des Rasters ist der den Blick in die Zukunft prägende Apparat der korrekten Perspektive vom rechten Winkel. Laut Peter Sloterdijk produziert der Mensch in seiner Wahrnehmung Horizontlinien und verortet sich damit ständig in einer Kugel.
Außer im urbanen Raum, da beginnt er sich im Quadrat wahrzunehmen. Der moderne Mensch ist kariert. Das Fenster der Großmutter steht damit in einer langen Tradition, deren langer Schatten mindestens von Nürnberg über den Obersalzberg nach Istanbul reicht. Das Interieur in der Kunst macht einen Raum, egal, wie entlegen in Ort und Zeit, egal, wie intim und privat zu einem, dem Blick des Betrachters jederzeit bedingungslos zugänglichen Ort und damit zu einem visuellen Gemeinplatz.
Das, was die Installation als persönliche Erinnerungsbilder zitiert, fällt jenseits aller örtlicher, zeitlicher und individueller Spezifik auch einem Kanon der Bilder anheim, in dem nicht familiäre Verwandtschaftsverhältnisse dominieren, sondern Bildtraditionen.

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Nachspann: Endlich Orient!

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Im letzten Raum der Ausstellung folgt so etwas wie die Außenansicht der zuvor beschworenen Innenräume. Vor der der Projektionsinstallation rückseitigen Wand stehen Keilrahmen mit Folien bespannt und mit Paketklebeband in engen geometrischen Mustern überzogen, sie werden rückwärtig beleuchtet. Hier entsteht ein Mashrabiya evozierendes Ensemble, jene Fenster- und Erkerverkleidungen, die im Muster enger geometrischer Arabesken
Einsichtsschutz bieten und Ausblickmöglichkeiten garantierten. Inmitten dieser orientalischen Gitterphantasien erscheint ein mit bildnerischen Darstellungen bereicherter Vorhang. Überzogen mit einem engmaschigen Wabenmuster bildet er den Hintergrund für ein mit Klebeband „gezeichnetes“ Porträt der Großmutter in Bluse und geblümtem Schal. Ihr Bild wird ergänzt von einem geklebten Sternenmuster, rotfarbig aufgesprühten Silhouetten
und in rotem Garn gefassten Brandlöchern. Die Muster- und Formensprache zitiert vor allem tscherkessische Traditionen neben eigenen künstlerischen Bildfindungen. Die Zeichen werden eingesetzt in einer höchst persönlichen Darstellung von Leben und Leiden einer Großmutter durch ihre Enkel.

Hier scheint das Bild endlich zu stimmen. Orientalisches Fenstermaß erscheint, wieder erkennbar auswärtsspezifisch und obersalzbergfern. Selbst die türkische Großmutter höchstpersönlich tritt in Erscheinung!
Und doch wird ausgerechnet das, was als Bild- und Zeichensprache die Großmutter als Orientalin auszeichnet, zum Verhängnis für diese Blickgewissheit auf das eindeutig Fremde. Denn das Tscherkessische wird hier zum Thema. Die Mutter der Großmutter ist eine Pomakin und da der Vater der Sohn einer Tscherkessin ist, wird die Tochter zu einer tscherkessichen Prinzessin erklärt. Bei ihrer Geburt lebt die Familie längst in Istanbul und auch wenn die Großmutter damit eigentlich eine waschechte Istanbulerin ist, so gilt in der Familienerinnerung bis heute der tscherkessische Herkunftszusammenhang als ihr zugehörig.
Während also die Mashrabiyas als eine Referenz an das Orientalische der Stadt Istanbul auftreten, wird die Großmutter über die Migrationsgeschichte ihrer Familie in die Türkei erinnert. Ihr Geschmack für Fenster nimmt die Migrationsgeschichte der Familie ihrer Tochter nach Deutschland vorweg. Ihre Enkelinnen werden, obwohl in Deutschland sozialisiert, beharrlich zu dem anderen an Migrationserfahrungen geschulten Blick befragt. Ihre Antwort ist das sowohl als auch, ein „to and fro in shadow from inner to outer shadow, … heedless of the way, intent on the one gleam or the other.“
Und sie sprechen darüber, indem sie über ihre Erinnerungen sprechen und deren kreative Überblendungsmöglichkeiten zeigen. Sie sprechen von einem Zuhause von dem man sprechen kann, denn es bedeutet die Beheimatung in mehr als einer Kultur. Und eben darin bezeichnet es eine Lebens- und
Erfahrungsrealität, die für viele Europäer Alltäglichkeit ist.
Spätestens da, wo sich die Schatten treffen, ist ein guter Ort gefunden, das Trennende zugunsten des Gemeinsamen zu vergessen und sich in einem Europa des größeren Rahmens zu begegnen. Dort wird man auf Menschen und Geschichten treffen, wie der von Nadiye Özdöl: Tscherkessische Prinzessin ehrenhalber, Liebhaberin einer Architektur der europäischen Moderne und türkische Großmutter von Anny und Sibel Öztürk aus Offenbach am Main.


Rafael von Uslar

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Lido

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Multi-Media-Installation

Kunsthalle Düsseldorf, 2005

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Im Zentrum der Arbeiten von Anny und Sibel Öztürk (Jg. 1970 und 1975) steht das Spiel mit kultureller Identität. Die aus der Türkei stammenden, in Offenbach lebenden Künstlerinnen untersuchen in ihren Arbeiten Einflüsse und Strukturen kultureller Hintergründe, die sich mehr als einer nationalen Kultur, mehr als einem geographischen Ort verdanken. Sie betonen die Vielfalt der Kulturen und zeigen die Vordergründigkeiten stereotyper Projektionen auf. Ihre Arbeiten, Zeichnungen, Objekte, Filme und Installationen haben einen stark erzählerischen Charakter.

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In ihrer Einzelausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle zeigen die Künstlerinnen eine zweiteilige Installation mit dem Titel „Lido“. Eröffnet wird die Ausstellung von einem Komplex von zum Teil mehrteiligen Zeichnungen und Malerei in denen Bild- und Texterzählung einander ergänzen. In verschiedenen Einzelgeschichten berichten die Künstlerinnen von Kindheitserinnerungen, in denen die Geschichten ihrer Eltern von der Türkei zu einer von der gesamten Familie geteilten Gegenwelt zum Alltag in der Bundesrepublik entwickelt werden. Dabei berichten die Eltern im Offenbach der 70er Jahre von einer Türkei aus der Zeit vor ihrer Migration nach Deutschland, das heißt, von einer Türkei der 50er und 60er Jahre. Diese Gegenwelt lässt sich in Ferienaufhalten bei Großeltern und Tanten aufsuchen und entfaltet in all ihrer Andersartigkeit von Wahrnehmungen, Gebräuchen und Gerüchen aber auch anderen sozialen Traditionen und vermittelten Wertevorstellungen, ihre eigene, für die Künstlerinnen prägende Faszination.

Alle Photos: Yun Lee und Achim Kkulies

Alle Photos: Yun Lee und Achim Kkulies

Der Parcours der Zeichnungen führt zu einer Tür, über der ein Leuchtschriftzug „Lido“ prangt und neben der ein Text ein weiteres Erinnerungsszenario eines Ortes beschreibt. In einem ähnlichen Verhältnis in dem sich in den Zeichnungen Bild- und Texterzählung ergänzen, fungiert hier der Text als individueller Erinnerungsbericht zu einem sich den BetrachterInnen hinter der Tür als großräumige Installation entwickeltem Bild. Der in diesem Bild beschriebene Ort ist in den Zeichnungen bereits mit Erinnerungserzählungen eingeführt. Es ist dunkel, warm und riecht nach Sommer. Ein von niedrigen Ballonleuchten im Stil der späten 50er Jahre beleuchteter Weg schlängelt sich durchs Grüne, das mit einigen Büschen und Bäumen bezeichnet wird. An einigen Bänken vorbei führt der Weg zu einem See mit einer Holzplattform an der eine kleine Bar gelegen ist. Über dem Wasser steht der Mond, Zikaden zirpen, fremde Gerüche erfüllen die Luft, Lampions leuchten in frohen Farben und längs der Plattform erscheint die filmische schwarz weiß Projektion einer Jazzband, deren Spiel den soundtrack der Installation bestimmt und die Plattform am See in einen Tanzboden verwandelt.

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Der Text spricht von türkischen Süßspeiselokalen am Wasser, von Eiscreme, Filmprojektionen im Freien, der Hand des Großvaters, vom Kindsein im Sommer. All dies weist den in der Installation beschriebenen Ort als eine freie bildhafte Nacherzählung individueller Erinnerungen aus. Diese Informationen nehmen die BetrachterInnen mit in den Raum hinein und können der Subjektivität dieser Erinnerungen nachspüren. Sie treffen auf die Bezeichnungen einer Vielzahl spezifischer kultureller Determinanten, die einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zu markieren scheinen. Doch verliert sich die Installation keineswegs in der Illustrierung von Privatem. In Zitaten und Assoziationen von filmischen Bildern, Szenen etwa aus den Hollywoodfilmen „Roman Holiday“, oder „Houseboat“, die über einen Monitor in die Installation eingespielt werden, erfährt die Gestaltung des Ortes eine Verallgemeinerung. Auch der Titel der Arbeit, „Lido“, verweist auf eine Vielzahl möglicher Orte. Lido, leitet sich vom lateinischen litus, Strand, ab und bezeichnet mehr als nur ein Strandbad in Venedig, sondern fungiert vielmehr als ein leicht antiquierter Inbegriff von Orten der Vergnügungen am Wasser. Für die BetrachterInnen ergibt sich damit eine Offenheit, die einlädt, eigene Assoziationsräume zu erschließen. So bieten die Künstlerinnen in ihrem eigenen Erinnerungsraum Platz für andere Vorstellungen und führen diese Geste in ihrer Arbeit fort. Die Tradition türkischer Gastfreundschaft, den Anny und Sibel Öztürk in ihren Bilderzählungen als einen der wichtigsten Aspekte der von den Eltern vermittelten türkischen Kultur betonen, kommt in der Installation in mehrfacher Hinsicht zum Tragen. Zahlreiche KünstlerInnen sind eingeladen ihre Filme, Performances, Klangarbeiten in der Ausstellung vorzustellen.

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Anlässlich der Finissage, schließlich werden die BesucherInnen von den Künstlerinnen persönlich als Gäste empfangen und mit selbst zubereiteten türkischen Nachspeisespezialitäten und türkischer Live-Musik verwöhnt.

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Lido vermittelt in unterhaltsamer erzählerischer Form ein interessantes Bild eines komplexen Kulturgefüges. Der Blick zurück auf Unvergessenes von Anny und Sibel Öztürk ist weit mehr als ein freundliches Wiederauflebenlassen lauer türkischer Sommerabende im Düsseldorfer Winter. Vielmehr werden hier die Brechungen und Projektionsleistungen beschrieben, die für MigrantInnenkulturen charakteristisch sind. Derartige Brechungen und Projektionen bestimmen jedoch nicht nur den Blick der Künstlerinnen auf das, aus der Gegenwelt innerfamiliären Erinnerns geprägte Bild des türkischen Anteils an der eigenen Identität. Auch von ihrer Außenwelt werden die in der Bundesrepublik aufgewachsenen, lebenden und arbeitenden Schwestern stets mit diesem Identitätsanteil konfrontiert, – nicht selten gänzlich auf ihn festgelegt. In der Rolle als „Gastgeberinnen“ begegnen sie dieser Erwartungshaltung mit familiärem Charme und mit viel Ironie. Mit den Arbeiten der von ihnen eingeladenen KünstlerInnen öffnet sich „Lido“ einer Vielzahl unterschiedlichster Ansätze und Strategien Identitäten zu beschreiben und zu untersuchen.

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Rafael von Uslar

Mehr Licht!

Anny und Sibel Öztürk  

Round-Point-Schuman, Brüssel, Belgien im Rahmen der deutschen Ratspräsidentschaft, 2007
Mehr Licht

Eine temporäre Lichtinstallation für den Place Schuman, Brüssel

Photo: Yvan Glavie

Photo: Yvan Glavie

Das Projekt
Der Place Schuman ist ein von starkem Verkehr frequentierter Platz. Dieser Verkehr bestimmt im Wesentlichen das Leben und die Bewegungen auf dem Platz und sorgt tagsüber für eine konstante, sich stets in dynamischem Fluss befindliche Geräuschkulisse. Dieses akustische Platzgeschehen erfährt mit der Installation „Mehr Licht“ eine visuelle Übertragung: Klang wird in Licht übersetzt.
Im Grüngürtel des Platzes wird eine Stahlkonstruktion aufgestellt, die in einer Höhe von etwa drei bis vier Metern ein Band von vertikal nebeneinander angeordneten Lichtröhren hält. Die Installation folgt der Bogenform des Platzrundes und umschließt diesen. Die Konstruktion ist offen und hält die Röhren so, dass sie vom Straßenraum, wie auch vom Platzinneren her gleichermaßen gesehen werden können.
Die Lichtröhren präsentieren ein in seiner Gestaltung auf das Platzgeschehen reagierendes Farbund Formenspiel. Vermittels einer zentralen Computersteuerung und mit Hilfe von auf den Verkehr ausgerichteten Mikrophonen, korrespondiert die Lichtregie mit dem akustischen Geschehen, das den Platz umschließt. Je intensiver und dynamischer diese Klanggestaltung ausfällt, desto farbenreicher wird das Lichtspektrum und desto schneller vollzieht sich sein Wechsel.
Vom Platzinneren her können Passanten mit Hilfe eines im Platz installierten ’touch-pads’ Lichtsignale auslösen. Den vom Platzaußenraum oder Platzinnenraum ausgesandten Signalen werden unterschiedliche Farben und Formprogramme zugewiesen, sodass sich die Herkunft der Lichtsignale
leicht bestimmen lässt.
Als Lichtröhren kommen LED-Röhren zum Einsatz. Diese ansteuerbaren Lichtröhren sind ein besonderer Blickfang. Wechselnde Farben und dynamische visuelle Effekte werden über die Röhren verteilt. Das Steuergerät gewährleistet weiches Licht, eine breite Farbpalette, schnelle Reaktionsfähigkeit
und fließende Farben.
Die Installation „Mehr Licht“ bezeichnet zwei Räume, den Straßenraum und den Platzinnenraum. Sie grenzt diese gegeneinander ab und bringt sie in einem interaktiven Kommunikationsprozess über Lichtsignale miteinander in Verbindung. Über diese Licht- Farb- und Formenspiele werden dieser
Dialog und die den Platz bestimmende urbane Dynamik über eine Übertragung in visuelle Zeichen optisch nachvollziehbar. Auf diese Weise vermitteln sie sich auch dem Blick aus den umliegenden Gebäuden heraus.
Lästiger Straßenlärm wird in Licht- und Musterstrukturen übersetzt. Er erfährt darin seine Sichtbarmachung wie auch seine Übertragung in ein positives Phänomen.

Der Ort
Der Place Schuman ist ein für Europa wichtiger Platz. Hier ist neben dem Europäischen Rat im „Justus-Lipsius-Gebäude“ auch der Sitz der Kommissionspräsidenten und Kommissare im „Berlaymont“.
Der Platz bildet ein Kreisrund zwischen diesen und einer Reihe anderer Gebäude. Aus verschiedenen Himmelsrichtungen laufen Straßen in klar überschaubaren Achsen auf den Platz zu.

Photo: Yvan Glavie

Photo: Yvan Glavie

Die Ausrichtung der Installation
Die Installation ist auf drei Ausrichtungen hin konzipiert.
A. Der Straßenraum
Auf der Straßenebene zeigt sich die Installation den Autofahrern bereits von Ferne. Nähert man sich auf einer der sternförmig auf den Place Schuman zulaufenden Straßen, so wird man aus einiger Entfernung das bewegte Lichterspiel wahrnehmen und damit auch den Platz selbst. Indem die Installation
sich auf den vorbeiziehenden Verkehr ausrichtet und diesen als Kommunikationspartner annimmt, präsentiert sich „Mehr Licht“ als wahre ’drive by art’. Den Autofahrern wird mehr geboten als nur farbenfrohe Lichteffekte, vielmehr wird ihnen die Konsequenz ihres Handelns aufgezeigt. Der von ihnen
verursachte Lärm, den sie anders als jede andere Person im öffentlichen Raum, geräuschgeschützt im Inneren ihres Fahrzeuges nicht wahrnehmen muss, wird ihnen in Lichtzeichen übersetzt vor Augen geführt. Diese Sichtbarmachung geschieht mit sehr einfachen Mitteln, auf eine heitere und freundliche Art. Dabei wird auch der kurzen Wahrnehmungsspanne der vorbeifahrenden Autofahrer Rechnung getragen. Die Botschaft nimmt eine abstrakte Form an und kann in eben diesem Verzicht auf Komplexität an Klarheit und Deutlichkeit gewinnen.
B. Das Platzinnere
Im Platzinneren erhebt sich die Installation als den Platzinnenraum geschlossen nach Außen begrenzende Form. Darin vermittelt sie erstmals zwischen der Platzfläche einen bedingten Raum, der von den umliegenden Gebäuden bestimmt wird. Die Besucher auf dem Platz erhalten Gelegenheit, aus der Passivität ihres Schweigens dem Verkehrslärm gegenüber herauszutreten und über Lichtzeichen mit diesem in einen Dialog zu treten. Das Computerprogramm der Installation sieht eine Bevorzugung der vom Platzinneren ausgesandten Signale vor. Ihnen werden außerdem eigene Farben-
und Musterstrukturen zugewiesen. Dies erleichtert eine Unterscheidung der Signale und ihres Ausgangspunktes. Hier können also endlich die vom Lärm bestimmten Passanten eine leuchtende Stimme über den scheinbar übermächtigen Straßenverkehr erheben.

Doch der Straßenverkehr ist nicht der einzige mögliche Adressat der ausgesandten Zeichen. Auch die umliegenden Gebäude und die sich in ihnen aufhaltenden Personen sind Empfänger der vom Platz ausgestrahlten Lichtsignale. Und welche Botschaften auch ansonsten von diesem Platz aus
an die Menschen in den Gebäuden ausgesandt werden mögen, hier werden freundlicherweise Licht, Farben und Formen auf die Reise geschickt.
C. Der Fensterblick
Der Blick aus einem der Fenster der umliegenden Gebäude auf den Platz markiert eine weitere wichtige Position, auf die hin sich die Installation ausrichtet. Zugleich jedoch ermöglicht der Fensterblick die einzigartige Zusammenschau der Vorgänge, Bewegungen und Signale um den und auf dem
Platz. Hier lässt sich der bunte „Widerstreit“ zwischen Passanten und Autofahrern ebenso beobachten wie das bildhaft übersetzte Pulsieren urbanen Lebens.

Photo: Yvan Glavie

Photo: Yvan Glavie

Das Lichtspiel
Die Installation erzeugt eine durch Licht animierte Endlosbegleitung des Platz-geschehens. Die Röhren werden so angebracht, dass sie im Innenraum, im Außenraum und aus den umliegenden Gebäuden gleichermaßen gut zu sehen sind.
Die LED-Röhren erlauben die Herstellung eines farben- und formenreichen Bildprogramms. Auslöser oder Impulsgeber sind zum Straßenverlauf hin installierte Mikrophone und ein oder mehrere ’touch pads’ auf dem Platz. Diese Impulse werden an einen Computer weitergeleitet, der darauf mit
vorbereiteten Programmen reagiert. Den unterschiedlichen Quellen der Impulse lassen sich unterschiedliche Farben und Formenprogramme zuordnen. Es lassen sich ebenso unabhängig von allen akustischen Impulsen festgelegte Programme einspielen.
Bei abnehmendem Geräuschpegel, zum Beispiel in den Abendstunden, wird die Empfindlichkeit der Mikrophone leicht erhöht, so dass schon ein einzelnes vorbeifahrendes Auto ein eigenes Lichtereignis auslösen kann. Ansonsten bietet die Skulptur im Ruhezustand ein ausgewogen harmonischesLicht- und Farbenprogramm.
Der formale Charakter der Installation
1963 montierte der amerikanische Künstler Dan Flavin eine genormte Leuchtstoffröhre in einem 45 Winkel an die Wand seines Ateliers und erklärte sie als „Diagonale (für Constanin Brancusi)“ zum eigenständigen Kunstobjekt. In seinen fortan auf dem Einsatz von genormten Neonröhren basierenden
Objekten und Installationen ist das ausstrahlende Licht der wichtigste formale Aspekt der Arbeit, wichtig ist aber auch – neben der räumlichen Intervention – der formale, ins skulpturale erhobene Charakter des Trägerkorpus der Neonröhren.

Der Blick auf die Arbeit des uneingeschränkten Großmeisters der Leuchtstoffröhre ist deshalb interessant, weil er hilft, einen sehr wesentlichen Aspekt der Installation „Mehr Licht“ deutlich zu machen.
Bei „Mehr Licht“ spielt das Trägermedium, der Aufbau aus Stahlträgern und Seilen eine völlig sekundäre, nahezu unwichtige Rolle. Dieser Aufbau ist vielmehr das, was ermöglicht, den Ring aus Leuchtstoffröhren auf dem Platz in einer bestimmten Höhe zur Anschauung zu bringen. Der Aufbau
ist auf das statisch Nötigste reduziert und wird ohne jeden besonderen ästhetischen Anspruch ausgeführt, er hat einen rein funktionalen Anspruch und stellt keinen eigenen Anschauungsgegenstand von Bedeutung dar. Das uneingeschränkte Interesse gilt der mithilfe der Röhren geschaffenen Lichterscheinungen, den Farbeffekten und den mit ihnen geschaffenen Musterstrukturen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Arbeit ist ihr temporärer Charakter. Wie ihr Aufbau deutlich macht, verzichtet sie bewusst auf die Ausbildung skulpturaler Werte außerhalb der Lichterscheinungen. So unterscheidet sich diese Installation von vergleichbaren Werken, von bekannten Lichtskulpturen der Kunstgeschichte. Denn es handelt sich bei „Mehr Licht“ keinesfalls um eine Skulptur, die auf dem Place Schuman zu einer temporären Ausstellung kommt, sondern vielmehr um eine für den Platz entwickelte Lichtinszenierung auf Zeit, bei der ein Ereignischarakter deutlich im Vordergrund steht.
Damit nimmt die Installation historisch gesehen eine Nähe zu Festarchitekturen und Inszenierungen auf. Dieser aufs Temporäre besonne Charakter der Installation reflektiert auf den Anlass ihrer Aufstellung, die halbjährige deutsche EU Ratspräsidentschaft.
Der Titel
Dem Augenzeugenbericht des Friedrich von Müller zufolge sollen „Mehr Licht“ die letzten Worte des Geheimrats Johann Wolfgang von Goethe gewesen sein. Als dieser am 22. März des Jahres 1832 in seinem Sessel sitzend starb, seien seine Letzten Worte gewesen: „Macht doch den zweiten Fensterladen
auf, damit mehr Licht hereinkomme!“ Für die Nachwelt hat sich der Ausspruch etabliert als ein ebenso einfaches, wie bedeutungsschwangeres: „Mehr Licht!“ Seit Müllers Bericht haben sich eine Unzahl von Interpretationen und Kommentaren mit diesem Ausspruch befasst. Dabei ist durchaus strittig, ob es sich hier um ein transzendentales Erlebnis in Todesnähe, eine späte philosophische Eingebung, oder etwa ein Goethes medizinischer Kondition geschuldeter Ausdruck von Unwohlsein handelt. Andere Autoren schließlich stellen Ausspruch und Überlieferung in Frage, da die Worte Goethes ganz anders gelautet hätten. In jedem Fall hatte und hat die Welt, was sie ganz offensichtlich braucht, die ’famous last words’ einer Geistesgröße.
Die Installation am Place Schuman schafft eins mit Sicherheit: mehr Licht! Die Bezugnahme auf Goethe lässt sich hier als Tribut an den bedeutenden Dichter verstehen. Aber er ist auch ein ironischer Kommentar zu der Art und Weise, wie gern sich nationales Kulturbewusstsein im „Land der
Dichter und Denker“ auch heute noch mit dieser Person identifizieren lässt.

Photo: Yvan Glavie

Photo: Yvan Glavie

 

Zusammenfassung
Die Installation leistet die Sichtbarmachung von urbaner Energie. Sie zeigt den dynamischen „Herzschlag“ und die in den „Verkehrsadern“ pulsierenden menschlichen Bewegungen als farbenfrohes, strahlendes Ereignis. Das eigentliche visuelle Ereignis wird dabei von den diesen Platz frequentierenden
Menschen geschaffen. Dabei wird das Licht-, Farb- und Formenereignis zu einem Abbild, einem Seismographen ihrer Mobilität und der Place Schuhmann erhält gerade aus dem heraus, was ihn bisweilen unattraktiv erscheinen lassen kann – Verkehr und davon erzeugter Straßenlärm – eine
neue positive Gestalt. Vielmehr noch wird der in Licht und Farbe übersetzte lästige Lärm Ausgangspunkt für einen ungewöhnlichen innerstädtischen Dialog, bei dem sich die unterschiedlichen, allesamt im öffentlichen Raum begegnenden Verkehrsteilnehmer, Signale zukommen lassen können.
Mit seiner Ausrichtung auf sämtliche räumliche Ebenen des Platzes, bringt „Mehr Licht“ den Place Schuman als einen zusammenhängenden städtischen Raum ins Blickfeld. Es bleibt zu hoffen, dass dem solchermaßen ins Licht gerückten Platz mehr Beachtung zukommt, gepaart mit der Einsicht,
dass ein solcher Ort als wichtiger öffentlicher Raum durchaus mehr gestalterische Aufmerksamkeit verdient.
In ihrer Gestaltung als temporäre Installation trägt „Mehr Licht“ dem Anlass ihrer Entstehung als Beitrag zur zeitlich begrenzten deutschen EU Ratspräsidentschaft Rechnung. Und als fulminantes Lichtereignis sendet die Installation hierdurch – mit kritischem Unterton und in keinem ihrer Aspekte ohne Ironie – farbenfrohe Lichtsignale an Europa.
Rafael von Uslar