Rear Window

Rear Window (Story No. 6)“

 

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Anny und Sibel Öztürk haben mit „Rear Window (Story No. 6)“ das Wohnzimmer ihrer Großtante aus Istanbul mit allem, was an Mobiliar und Atmosphäre dazugehört, rekonstruiert: Fernseher, Vitrine, 1950er-Jahre-Möbel aus Holzimitat, Deckchen, ein blasser Rokoko-Gobelin und ein Großfoto von einem See inmitten der schneebedeckten Rocky Mountains; es ist düster und heiß; laute Straßengeräusche sind zu hören, Stimmen reden durcheinander, die Vorhänge blähen sich und das Licht eines Autoscheinwerfers streift am Fenster vorbei.

Damit versetzen sie die Betrachter und Betrachterinnen nicht nur ins vermeintliche Istanbul, sondern in erster Linie in eine unheimliche Spannungssituation. Der Titel der Installation trägt den Namen eines Hitchcock-Films „Das Fenster zum Hof“ und in Öztürks „Rear Window“ spukt der Geist der Tante. Anny und Sibel Öztürk verbrachten in dem Istanbuler Zimmer jeweils eine Woche, bevor es mit der Familie ans Meer ging.

Die Installation rekonstruiert insofern kein Zimmer in, sondern eine Kindheitserinnerung an die Türkei, vermittelt durch einen amerikanischen Film. Die scheinbare konkrete Ortsbezogenheit auf Istanbul verdankt sich der Ortlosigkeit der Erinnerung, die sich ständig mit anderen Bildern vermischt. Folgt man der Installation, sind es solche imaginären Projektionen auf die Vergangenheit, die einem seine Identität verschafft.

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es ist dunkel im zimmer und es ist sehr heiss. ich brauche nicht meine augen zu öffnen, um festzustellen, dass meine grosstante einige meter weiter, auf ihrer klappcouch schläft. ich rieche sie. sie riecht nach essig. das schützt vor moskitos, die sich nachts über uns hermachen. sie kommen in massen durch die fenster, die im ganzen haus offen stehen.

keine kühlung in sicht, obwohl vor vielen stunden die sonne untergegangen ist. ich war zeugin. ich sah wie scheinbar das meer sie verschluckte. dabei hatte ich eine cola gezischt. wir hatten in einem der teegärten gesessen, die sich wie perlen an der schnur um die kaimauer reihen.

ich öffne die augen. meine tante atmet gleichmäßig. sie schläft. ich frage mich, warum ich nicht schlafe. was hat mich geweckt? die uhr zeigt mit dem kleinen zeiger auf die vier und mit dem grossen einen oder zwei nach zwölf.

da höre ich es wieder. ein entferntes rufen oder singen.

ich weiss, dieses für meine ohren ungewöhnliche geräusch, hat mich geweckt. es ist ein „ezan“. das heisst, dass ein hoca sich in einem minaret der moschee ganz oben hinstellt und ganz laut betet. also, so kann man es jedenfalls erst mal zusammenfassen.

wenn ich mich konzentriere, kann ich noch mehr ezanrufe hören. je stadtteil eine stimme und istanbul hat eine menge stadtteile. natürlich kann ich nicht alle hören.

die lauteste stimme kommt aus unserem stadtteil bakirköy und die hat mich vermutlich geweckt. mir gefällt es gut. ich fliege mit den stimmen über der stadt umher und schlafe dabei einfach ein.

es ist schon hell im zimmer und noch viel heisser als in der nacht. mir rinnt der schweiss die schläfen runter. draussen hupt es und ich höre viele stimmen. menschen, die sich unterhalten. die taxifahrer aus der taxizentrale gegenüber, die auf stühlen vor ihrem büro, an der strasse sitzen. frauen, die aus ihren fenstern ihre bestellungen dem verkäufer des minimarktes an der ecke, zurufen. (ohne aus dem fenster zu sehen, weiss ich, dass sie ihre flechtkörbe aus dem fenster abseilen, um die bestellten waren entgegen zu nehmen.) strassenverkäufer und altwarenhändler, die in einem mir unverständlichen kauderwelschsingsang, ihre waren anbieten. und dies alles wird untermalt von einem ständigen hupen. kurze huper, die zeigen wer die vorfahrt hat oder die fussgänger warnen sollen, sich schnell wieder von der fahrbahn zu machen oder einfach nur huper aus gewohnheit.

huphuphup.

als wir alle um den grossen tisch sitzen und frühstücken, klingelt es. meine mutter springt auf und geht zur tür. einige sekunden später ruft sie meine tante. sie klingt…ja, irgendwie verzweifelt. meine tante schlurft zur tür, dann höre ich sie reden und ich höre, wie sie sagt : „na dann zeig mal.“ und meine mutter :“aber tante, lass doch.“

von neugier getrieben, gehe ich langsam zur tür. unter dem arm meiner tante, die die tür festhält, schaue ich auf ein elfjähriges mädchen. sie schaut etwas traurig. ihr kleid ist schmutzig. genau wie ihre haare. sie zieht den rock hoch und ihre unterhose runter. was ich da sehe, verstehe ich nicht. ich schaue irritiert in ihr verzweifeltes gesicht. sie ist ein hübsches mädchen mit traurigen augen. aber unter ihrem kleid ist sie ein junge. ich taumele zurück und höre noch, wie meine mutter und meine tante ihr geld geben. sie sagt, sie spare für die operation und bedankt sich leise.

in eberbach hatte ich im letzten sommer eine dicke raupe gefunden, in unserem garten. meine eltern hatten mir erlaubt, sie zu behalten. dabei hatten sie sich belustigt angelächelt.

ich legte die raupe auf den esstisch auf ein grosses salatblatt, bevor ich ins bett ging. Am nächsten morgen war sie verschwunden. Wütend hatte ich meine eltern angesehen, die mich angrinsten. mein vater hatte auf die gardine gedeutet. ich hatte hochgesehen und da sass ein schmetterling. an seine farbe kann ich mich nicht mehr erinnern aber ich glaube, sie war so gelb wie der löwenzahn, der sich in eine pusteblume verwandelt. und genauso hatte sich meine raupe in einen schmetterling verwandelt.

und so wird sich dieses mädchen in ein richtiges mädchen verwandeln“, sagte mein vater. Irgendwie freue ich mich für sie.

draussen bestellte eine frau ein brot, einen eimer joghurt und ein halbes kilo salz und dann sauste ein korb nach unten, an unserem fenster vorbei.

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One Gleam or the other

One gleam or the other

 

Photo: Wolfgang Günzel

Photo: Wolfgang Günzel

Hotelzimmer können die ödesten Orte der Welt sein. Sie sehen überall gleich aus. Ihre Einrichtung ist nüchtern und anonym gehalten, um dem Reisenden möglichst wenig Widerstand und eine zurückhaltende Oberfläche zu bieten.

Ein solches Zimmer haben die beiden in Offenbach lebenden Schwestern Anny und Sibel Öztürk in einem Raum der Galerie aufgebaut und mit Gegenständen eingerichtet, die man nur allzu gut aus Möbel-Discountern kennt.

Wie Menschen sich einen solchen fremden, anonymen Ort auf ihre ganz persönliche Art und Weise aneignen, erfährt man im zweiten Raum der Galerie.

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Im Zentrum der auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirkenden Arbeiten (Installationen, Fotos, Filme, Zeichnungen) von Anny und Sibel Öztürk steht die Beobachtung von Menschen in ihrem Lebensumfeld. Die beiden Schwestern fragen in ihren Arbeiten nach den Einflüssen und Strukturen, die unser vermeintlich individuelles Leben bestimmen: Wo kommt jemand her? Welchen kulturellen Hintergrund hat er? Welcher Tätigkeit geht er nach? Der Fokus der Arbeiten kann dabei ganz auf der eigenen Person liegen. In Installationen wie Story No 6 rekonstruieren die beiden Schwestern ihre eigene Kindheit als Töchter türkischer Migranten, die sich immer wieder zwischen der alten und der neuen Heimat bewegten. Das Interesse der Künstlerinnen ganz sich aber auch auf eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe richten. Anny Öztürk macht in ihrer Serie superheroes die Vorstellungen Jugendlicher von Schönheit, Glück und Macht transparent, indem sie charakteristische Merkmale aus Werbebildern nachzeichnend und überzeichnend heraus stellt.

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Einige der Arbeiten erzählen uns auch, dass der beobachtende Blick immer nur ein subjektiver sein kann. One gleam or the other nimmt in der zweifachen Perspektive auf ein und dieselbe Situation Bezug auf frühere Fotoarbeiten, in der der unterschiedliche Blick der Schwestern auf eine Geschichte die Differenz von Realität und Darstellung deutlich macht.

Die Arbeiten der beiden in der Türkei geborenen und in Offenbach lebenden Schwestern drehen sich um eine grundlegende Frage der menschliches Existenz: die nach der eigenen Identität. Ob sie die eigene Kindheit als Töchter türkischer Migranten in Zeichnungen, Installationen oder Skulpturen aus der Erinnerung rekonstruieren, oder eine bestimmte Geschichte aus wechselnden Perspektive schildern: Immer stellen die Arbeiten von Anny und Sibel Öztürk Fragen nach den Einflüssen und Strukturen, die unser vermeintlich individuelles und einmaliges Leben bestimmen.

Der Text „Neither“ von Samuel Beckett wurde im Film von James Clowney gesprochen.

NEITHER

to and fro in shadow from inner to outer shadow

from impenetrable self to impenetrable unself

by way of neither

as between two lit refuges whose doors once

neared gently close, once away turned from

gently part again

beckoned back and forth and turned away

heedless of the way, intent on the one gleam

or the other

unheard footfalls only sound

till at last halt for good, absent for good

from self and other

then no sound

then gently light unfading on that unheeded neither

unspeakable home

(Samuel Beckett)

Der Text „The Loop“ ist von Julien Cottereau und wurde von ihm im Film gesprochen.

THE LOOP

Here comes the ohm’s sound before (welcome ohm) then

Here comes the turning rocks‘ melody off then

Here comes the voice: human birds‘ souls then

The alchemy question why are we here?

Embraces the universal harmony with unborn bullshits

Welcome to paradise welcome

To hell Earth

Sounds of winds, fights and car-crashes yeh great

Mix tears and laughs together

Scratches and voices struggling

Trying to light the void

Birth and dying

Suns and black holes

Labyrinths Puzzles Games

Of questions and answers

Being so little feeling so huge

Smelling this cloud

Hoping the gold

Rain friends and relatives saved forever

Begging for redemption and pleasing

Our limits Being

Human and then

Here comes the ohm’s sound before (welcome ohm) after whenever then

Here comes the loop

Here comes the loop

Here comes the loop again

Here comes the loop

(Julien Cottereau)